Zwischen Wachsamkeit und Nachlässigkeit – Der Alltag in einer Ebola-Station

von Simone Ross

Rund um das Thema Ebola ist es in Deutschland still geworden. Zumindest wenn man sich verschiedene Internetseiten anschaut, um ein paar News aus der Heimat zu bekommen. Dabei wird hier noch jeden Tag gegen die schreckliche Seuche weiter gekämpft. Und ein Sieg ist leider noch nicht in Sicht.

Die einzige reine Kinderklinik im Land, das Ola During Childrens Hospital (ODCH) hier in Freetown betreibt weiterhin eine Holding Unit, eine Aufnahme und Isolierstation, um möglicherweise infizierte Kinder aus dem Krankenhaus raus zu halten und isolieren zu können. Viele Holding Units und Behandlungszentren in Sierra Leone haben bereits geschlossen oder sind auf Stand-by, da das Patientenaufkommen deutlich rückläufig ist. Dies ist bei der Kinder-Holding eine etwas kompliziertere Situation: Die Erstsymptome von Ebola sind oft sehr unspezifisch und allgemein z.B. Fieber, Schwäche, Appetitlosigkeit, Übelkeit. So sind sie oft kaum zu unterscheiden von einer eventuellen Malaria oder normalen Durchfall-Erkrankung. Hinzu kommt, dass ein Säugling oder Kleinkind nicht in der Lage ist, verschiedene Symptome zu differenzieren oder genauer zu beschreiben. Das heißt, man muss diese Patienten deutlich intensiver beobachten und in Augenschein nehmen und sich auf die Aussagen und Beschreibungen der Eltern und Angehörigen verlassen. In Zeiten von Ebola, wo man dies auf Distanz tun muss und keinen direkten Patientenkontakt hat, eine umso schwierigere Aufgabe.

In unserer Holding Unit hatten wir zum Glück den letzten positiven getesteten Fall im März. Nichtsdestotrotz nehmen wir zurzeit zwischen 12 bis 15 Patienten am Tag in der Unit auf, weil wir uns bis zu dem negativen Testergebnis letztendlich einfach nicht sicher sein können, ob es nicht doch Ebola ist. Auf dem Gelände der Kinderklinik befindet sich ebenfalls eine Frauenklinik mit zugehöriger Holding Unit. Dort wurde vor erst vor wenigen Tagen seit langer Zeit wieder eine Frau positiv getestet. Die Gefahr ist selbst nach langer Zeit ohne positiven Fall noch nicht gebannt. Und jeder neue Fall kann schlimme Folgen haben. Von der Ansteckungsgefahr für das Krankenhauspersonal, das so schon mehr als genug unter den Folgen zu leiden hat, ganz zu schweigen.

Alle Patienten und deren Angehörige werden zuerst in einen speziellen Wartebereich geleitet, wo ein erstes Screening stattfindet. Es wird Fieber gemessen und ein spezieller Fragebogen wird von einer Schwester ausgefüllt, um die allgemeinen Symptome zu erfassen. Dann werden sie in den nächsten Bereich weitergeführt, wo ein Arzt über das weitere Vorgehen entscheidet. Die Krankengeschichte wird erhoben beziehungsweise vertieft und das Kind wird untersucht. Dies alles natürlich mit einem genauen Abstand zum Patienten. Der Arzt selbst trägt dazu zum Eigenschutz jederzeit einen langärmligen Kittel, Handschuhe, Haube, Mundschutz und einen speziellen Gesichtsschutz.

Dann wird entschieden, ob der Patient der Falldefinition für Ebola entspricht und in die Holding Unit aufgenommen wird oder ob er zur weiteren Behandlung direkt ins Krankenhaus kann. Ist das erstere der Fall, gilt das Kind von da an als sogenannter „High-risk-“Patient.

Unser Team vom Labor versucht dann, so schnell wie möglich eine Blutprobe vom Patienten zu bekommen. Zurzeit ist noch ein spezielles Laborteam aus Holland bei uns vor Ort an der Klinik, sodass die Proben ohne langen Transportweg zügig zur Testbestimmung gebracht werden können und wir das große Glück haben, zweimal am Tag die Ergebnisse zu bekommen. Im besten Fall können unsere kleinen Patienten dann nach einer Nacht die Holding wieder verlassen und zur weiteren Behandlung in der Klinik aufgenommen werden. Oder bei einer deutlichen Verbesserung des Allgemeinzustandes sogar schon wieder nach Hause.

Das große Problem sind die minimalen Behandlungs-und Versorgungsmöglichkeiten in der Unit selbst, die uns oft an unsere Grenzen stoßen und uns einfach nur hilf- und machtlos fühlen lassen. Das einzige „medizinische Gerät“ ist ein Infrarot-Thermometer. Die besonders eingeschränkte Handlungsmöglichkeit erschwert unseren Arbeitsalltag ungemein und lässt viele Patienten umso mehr leiden. Über den Aufbau der Unit selbst und über einen „normalen“ Aufenthalt eines Kindes in der Unit werde ich das nächste Mal dann mehr berichten. Denn an eine Schließung unsere Holding Unit ist leider noch nicht zu denken.

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3 Gedanken zu “Zwischen Wachsamkeit und Nachlässigkeit – Der Alltag in einer Ebola-Station

  1. Liebe Simone, ein beeindruckender Bericht, der die noch immer vorherrschende Bedrohung durch diese ‚Seuche‘ deutlich macht. Dir und all deinen Kollegen vor Ort weiter viel Kraft für diesen schweren Kampf und alles erdenklich Gute!!

    Hochachtungsvoll,
    P.W.

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  2. Hallo Nichtchen, ich habe euren (deinen) Bericht gelesen und bin beeindruckt von dem das ihr dort für die Menschen tagtäglich leistet! Ich ziehe meinen Hut vor Euch allen, obwohl ich ja nun auch einen sog. Beruf ausübe ! Macht weiter so . Man wird es euch im Diesseits odervim Jenseits danken, daran glaube ich fest, Dein Onkel Andi

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  3. Liebe Simone,
    es ist gut, dass du & deine Kollegen von eurer Arbeit & dem Kampf gegen Ebola berichtet, denn hier ist es wirklich still darum geworden, obwohl der Kampf längst nicht gewonnen ist!
    Alles Liebe für dich & alle Helfer der Uni & natürlich für alle Menschen, die bei Euch Hilfe suchen!

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