Zwischen Wachsamkeit und Nachlässigkeit – Ein Kind unter Ebola-Verdacht

von Simone Ross

Die Rundum-Versorgung unserer kleinen Patienten in einer Ebola-Holding-Unit ist eine schweißtreibende und nervenaufreibende Aufgabe – und nicht zuletzt auch eine besondere logistische Herausforderung. Bei teilweise 15 oder mehr Aufnahmen am Tag und ebenso vielen Entlassungen kann man da schon mal leicht den Überblick verlieren…

Unsere Unit ist in drei kleine Stationen unterteilt und räumlich getrennt, aber im Aufbau vom Ankleide-Raum mit Eingang zur Unit bis hin zum Dekontaminations-Bereich miteinander verbunden. Die ersten beiden Patientenräume sind jeweils mit sieben einfachen Metallbetten ausgestattet, der letzte mit sechs Betten. Wird entschieden, dass ein Kind in die Isolation aufgenommen werden muss, teilen wir mithilfe des Screening-Blatts die Patienten mit den allgemeinen Symptomen und denen mit den spezifischeren Zeichen (zum Beispiel Durchfall, Erbrechen, Blutungen, Kontakt zu einem Ebola-Erkrankten) in die entsprechende Station ein. So versuchen wir, die „wenig-verdächtigen“ von den „hoch-verdächtigen“ zumindest räumlich etwas zu trennen.

Leider kommt es häufig vor, dass die Kinder in einem sehr, sehr kritisch kranken Zustand in der Ambulanz ankommen. Durch ein hohes Patientenaufkommen und daraus entstehende Wartezeiten verstreben viele Kinder schon vor dem ersten Screening beziehungsweise in der Zeit bis zur eigentlichen Aufnahme. Da die Behandlungsmöglichkeit in der Unit selbst so stark eingeschränkt ist, ist die intravenöse Medikamentengabe (Anti-Malaria-Mittel, Antibiotika, Zucker-/Elektrolytlösung) die wichtigste und einzige Sofortmaßnahme.

In einer Ebola-Holding gibt es keinerlei Sauerstoffversorgung, Infusionspumpen, Vitalzeichen-Überwachung oder andere medizinische Geräte, die man aus dem Krankenhaus-Alltag kennt. Eine logistische Materialverteilung als auch die hygienische Aufbereitung nach der Benutzung ist unter diesen Umständen einfach nicht möglich.

Ein Angehöriger, in den meisten Fällen die Mutter, wird pro Patient mit aufgenommen, auch wenn dieser keine Symptome hat und gesund ist. Das stellt natürlich ein besonderes Risiko für den Angehörigen dar, aber anders ist eine Betreuung der Kinder in der Unit selbst nicht zu gewährleisten.

Für die Zeit in der Unit bekommt jeder Patient eine Aufnahme-Tüte mit zwei dünnen Decken, Windeln, Zahnbürste und Zahnpasta (auch für die Begleitperson) sowie eine Ration an Trinkwasser. Frühstück, Mittag- und Abendessen wird entsprechend separat verteilt.

Auch werden die Patienten und die Eltern vorher instruiert, so wenig wie möglich und nur so viel wie unbedingt nötig mit in die Unit reinzunehmen, da absolut nichts wieder mit hinaus genommen werden kann. Wertgegenstände, Handys und Bargeld müssen vorher zur Verwahrung abgegeben werden. Kleidung, Decken und sämtliches medizinisches Material, das in die Unit reingeht, wird später verbrannt.

In den meisten Fällen wird schon während des Legens eines venösen Zuganges das Blut für den Test abgenommen. Unser Laborteam aus Holland liefert uns im Moment zwei Mal am Tag die Ergebnisse. Das heißt, wenn ein Kind am Mittag aufgenommen wird, die Blutprobe schnell ins Labor kommt und nachmittags im PCR-Gerät mitläuft, kommt das Ergebnis in der Regel am nächsten Morgen und der Patient kann bei negativem Testergebnis aus der Isolation entlassen werden. Aber natürlich kommt es auch hier aus verschiedenen Gründen zu Verzögerungen im Ablauf.

Durch die unheimlich anstrengende Arbeitsweise in den speziellen Schutzanzügen, kurz PPE (Personal Protective Equipment), ist es meist nur einmal (an guten Tagen, wenn man sich fit fühlt, auch zweimal) am Tag möglich, in die „Red Zone“ und damit direkt zu den Patienten zu gehen. Ansonsten läuft die Kommunikation mit den Eltern nur von draußen, aus dem sicheren Bereich. Pflegerische und medizinische Maßnahmen wie Medikamentengabe werden auf ein Minimum beschränkt und nur mit genauer vorheriger Planung abgestimmt. Eine optimale Patientenversorgung ist unter diesen Umständen extrem schwierig. Oftmals entscheidet einfach das Schicksal ob die Kinder es bis zur Entlassung schaffen oder leider, wie es viel zu oft passiert, in der Unit versterben. Das Wissen um so viele verschiedene Behandlungsmaßnahmen, die es theoretisch für diese Kinder geben könnte, und die Erkenntnis, dass sie hier in diesem Land und unter diesen Voraussetzungen praktisch einfach nicht zur Verfügung stehen, ist eine große Hürde, mit der ich hier umzugehen lerne.

Jedoch in den meisten Fällen können wir die Patienten nach dem negativen Testergebnis wieder entlassen. Dafür muss das Kind als auch die Begleitperson mit einer speziellen Chlor-Lösung abgeduscht werden. Anschließend bekommen sie eine neue Grundausstattung an Kleidung, da sie ja nichts mit raus aus der Unit nehmen dürfen. Die weitere Behandlung kann dann im Krankenhaus stattfinden oder manchmal können sie sogar schon mit oraler Medikation nach Hause, wenn der Allgemeinzustand es zulässt.

Wird ein Patient positiv getestet, wird umgehend das sogenannte „Comand Center“ informiert, dass die Verlegung in ein Behandlungszentrum veranlasst. Bis dahin wird die von uns begonnene Therapie, die rein symptomatisch erfolgt, natürlich weiter geführt.

Die eigene Sicherheit und die der Kollegen hat in einer Ebola-Station höchste Priorität. Von daher wird der sogenannte Red-Zone-Bereich auch IMMER nur in vollständiger Schutzkleidung betreten.

Über das aufwendige An- und Entkleiden der PPE und über das eingeschränkte Arbeiten darin werde ich das nächste Mal mehr erzählen…

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