Freund der Kinder

von Dennis Wellmann

Dicht aneinander gedrängelt versuchen die Menschen, sich ihren Weg zu bahnen. Vorbei an zahllosen Marktständen, Marktschreiern und Bettlern. Vorbei an zahllosen Menschen, die an sechs Tagen in der Woche versuchen, ihren Alltag so gut es eben geht, zu organisieren. Es liegt ein permanenter Gestank von Müll in der Luft. Von verbrannten Klamotten, von Urin, von Exkrementen. Gleichzeitig versuchen sich auch Gerüche von frischem Obst und gebratenem Fisch die Geruchshoheit zu erkämpfen. Und man wünscht sich, dass letztere die Oberhand in diesem Kampf behalten. Wir befinden uns in einem Ostteil von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone. Zentrum des Stadtteils ist der sogenannte Clocktower, der die Gegend wie ein Panoptikum zu überwachen scheint. Passenderweise ist neben dem Clocktower auch die örtliche Polizeistation, die Eastern Police Division, beheimatet. Dort liegt auch die Hagan Street, die Straße, die geradewegs zu den Slums führt. In der Hagan Street ist auch das Straßenkinderprojekt Pikin Paddy beheimatet, das Cap Anamur vor nunmehr drei Jahren ins Leben gerufen hat. „Pikin Paddy“ ist eine Wortschöpfung aus dem kreolischen und bedeutet „Freund der Kinder“. In den vergangenen Jahren ist das Pikin Paddy in dieser Gegend zu einer Institution geworden. Die Menschen sprechen mit Respekt von den Leistungen, die das Projekt hier bewirkt hat. Im Besonderen sind die Menschen dankbar dafür, dass Cap Anamur sie während der schweren Ebola-Epidemie nicht im Stich gelassen hat.

In der Hagan Street ist es laut. Es stinkt. Und die Straßen sind dreckig. Die Hagan Street ist, wie Freetown, vor allem eines: intensiv. Es wäre aber unfair nur diese Seite zu betonen. Die Menschen dort sind stolz und vor allem sehr freundlich und hilfsbereit. Inmitten von Armut und Krankheiten erkämpfen sich die Menschen dort ihre Würde, Tag für Tag. Vor dem Pikin Paddy hört man Marktschreier ihr Obst anpreisen. Marktfrauen bieten Gemüse an. Und die Männer schieben in der prallen Sonne schwere Schubkarren mit großen Säcken.

Inmitten all dieses Trubels fühle ich mich wie in einen Charles-Dickens-Roman versetzt, ins London des 19. Jahrhundert, das laut Dickens ähnlich laut und voll gewesen sein muss. Wie in Dickens Oliver Twist stehen hier die Schicksale von Kindern, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat, im Mittelpunkt. Im Pikin Paddy werden Kinder betreut, die auf der Straße leben. Die Gründe dafür sind vielfältig. Streit in der Familie, Armut, oder im schlimmsten Fall der Verlust der Familie durch Ebola.

Das Pikin Paddy ist eine Institution. Hier arbeiten viele Berufsgruppen zusammen, um das Projekt am Leben zu erhalten. Da sind zum einen die Sozialarbeiter, deren Aufgabe es ist, Familienangehörige zu finden und die Kinder im besten Fall zu ihren Familien zurückzuführen. Da sind die sogenannten Caregiver, die Betreuer der Kinder. Sie verbringen 24 Stunden am Tag mit den Kindern und sorgen für einen geordneten Alltag, vom morgendlichen und abendlichen Zähneputzen bis zum Zubettgehen. Da sind die Angestellten in der Küche, die für die kulinarische Versorgung der Kinder zuständig sind. Da sind die Reinigungskräfte, die dafür sorgen, dass die Kinder und die Pikin-Paddy-Mitarbeiter in einem sauberen Umfeld arbeiten können. Da sind die Fahrer und Assistenten, die es uns ermöglichen, von Ort zu Ort zu kommen. Ohne all diese Menschen wäre solch ein Projekt nicht möglich. Meine Aufgabe wird es sein, den Mitarbeitern vor Ort den Rücken frei zu halten. Das heißt, dass ich dafür sorge, dass die Organisation reibungslos funktioniert. Das betrifft die administrativen und finanziellen Angelegenheiten gleichermaßen wie die pflegerische und gesundheitliche Versorgung der Kinder im Projekt.

Ebola ist noch nicht vorbei

 Meine Aufgabe wird aber noch weitergehen. Während der Hochzeit der Ebola-Epidemie in Westafrika im November 2014 organisierte Cap Anamur ein Ebola-Schutzhaus für sogenannte Kontaktkinder. Diese Kinder stehen im Verdacht, Kontakt zu an Ebola erkrankten Menschen gehabt zu haben und werden deshalb für 21 Tage isoliert und betreut. 21 Tage, solange dauert die Inkubationszeit, die die Dauer von der Infektion bis zum Ausbruch der ersten Symptome umfasst. Da die typischen Symptome wie hohes Fieber, Erbrechen und Durchfall sehr unspezifisch sind und auch auf andere Krankheiten zutrifft, gelten alle, die diese Symptome haben als ebolaverdächtig. Sollte also ein Kind innerhalb der 21 Tage Symptome entwickeln, dann wird es vom Ebola-Schutzhaus in ein spezielles Ebola-Behandlungszentrum gebracht. Bleibt das Kind 21 Tage frei von Symptomen, dann gilt es als ebolafrei.

Ähnlich wie im Straßenkinderprojekt Pikin Paddy werden die Kinder von Caregivern versorgt, mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Betreuer selbst Ebola-Überlebende sind und sich nicht mehr infizieren können. Denn die hygienischen Richtlinien im Ebola-Schutzhaus müssen streng eingehalten werden. Die Kinder werden 21 Tage isoliert. Denn wir wissen ja nicht, ob das Kind mit dem Ebola-Virus infiziert ist.

Auch wenn das Thema Ebola nicht mehr allzu präsent in der medialen Berichterstattung auftaucht, lässt sich die Diagnose aufrechterhalten, dass Ebola mitnichten überstanden ist.

Ein langer Weg vor uns

Immer noch gibt es vereinzelte Fälle, die in unserer unmittelbaren Umgebung wieder aufkamen. Ich merke, dass die Menschen müde sind. Müde vom Krieg, müde von Ebola. Sie wollen wieder oder zumindest endlich mal ein ruhiges Leben ohne Leid und Entbehrungen führen. Leidtragende dieser Situation sind vor allem die Kinder. Wie in Europa auch hängt vieles von einer guten Ausbildung ab. Fehlt diese, dann ist ein Leben in Armut vorprogrammiert. In diesem Land arbeiten viele Hilfsorganisationen daran, das Leben der Menschen und vor allem für Kinder lebenswert zu gestalten. Nach Jahren des Bürgerkriegs ist das Land langsam wieder auf die Füße gekommen, die Ebola-Epidemie hat es wieder in die Knie gezwungen.

Das Straßenkinderprojekt Pikin Paddy wirkt wie ein Fels in der Brandung inmitten einer Umwelt, die von Leid und Überlebenskampf geprägt ist. Für mich steht es aber auch als Zeichen von Hoffnung und Mut, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wenn ich mich mit den Menschen dort unterhalte, dann sehe ich eine Stärke, die ich mir für mich selbst wünsche, eine Stärke, die mir die Kraft gibt, Situationen zu ertragen, die ich nicht ändern kann und auch die Kraft, Dinge zum Positiven zu verändern. Es liegen ein langer Weg und viel Arbeit vor uns. Aber ich fühle mich gut dabei, dass die Kinder, die zu uns kommen, die Zukunft dieses Landes darstellen. Es ist ein gutes und stolzes Land. Den Kindern Selbstbewusstsein, Anerkennung und Liebe zuteilwerden zu lassen, ist Teil des Konzeptes in diesem Projekt. Eine fürwahr anspruchsvolle Aufgabe. Ich freue mich darauf.

Fortsetzung folgt …

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