Die Geschichte von Fiphya

von Simone Ross

Die Geschichte von Fiphya ist hier in Sierra Leone eine von vielen, aber für uns doch eine besondere, weil wir seit einiger Zeit Teil seines Lebenswegs sind und ihn dabei sehr intensiv begleiten dürfen.

Der etwa zweijährige Junge kam an einem Freitagnachmittag mit seinem Onkel in die Ambulanz des Cap-Anamur-Kinderkrankenhauses Ola During Children´s Hospital. Sein Onkel berichtete, dass Fiphya Fieber hat, einen geschwächten Eindruck macht und erbrochen hat. Zu Zeiten von Ebola reicht diese Symptomatik aus, um einen Patienten auf unsere Ebola-Aufnahme- und Isolierstation aufzunehmen und einen Ebola-Test durchzuführen. Also wurden alle Papiere zur Aufnahme fertig gemacht und Fiphya und sein Onkel wurden im Wartebereich der Patientenaufnahme vorbereitet.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass der kleine Mann etwas unterentwickelt ist, sowohl körperlich als auch mental. Er ist sehr klein und schmächtig für sein (geschätztes) Alter, hat immer wieder unwillkürliche Muskelanspannungen am ganzen Körper, seine Haltung ist insgesamt sehr verkrampft. Er gibt kaum Laute von sich und ist auch sonst nicht in der Lage, altersentsprechend zu kommunizieren. Er kann sich nicht fortbewegen und Sitzen ist auch nur mit Unterstützung möglich. Kurzum, das Kind hat deutliche Behinderungen.

Der Onkel erklärte den Pflegekräften, dass er auf den Vater warte und dieser dann mit Fiphya zusammen als Begleitperson in die Station gehe. Der Vater sei unterwegs und in einer halben Stunde da. Der Onkel habe leider keine Zeit mehr, den Jungen weiter zu hüten und müsse nun los, da er noch dringende Sachen zu erledigen habe. Für solche Einzelfälle gibt es in unserer Station sogenannte Gitterbetten, in denen auch kleine Kinder ohne Elternbegleitung eine kurze Zeit alleine sein können. Also brachten wir Fiphya vorerst hier unter. Immerhin warteten die nächsten Patienten bereits und der Aufnahmebetrieb musste weiter gehen.

Als ich einige Zeit später selbst die Unit betrat, fiel mir der kleine Patient im Krabbelbett direkt auf, weil er mit einem jammernden Weinen versuchte, auf sich aufmerksam zu machen. Aber in einer Ebola-Holding-Unit ist das gar nicht so einfach… Ich ging zu ihm, nahm ihn auf den Arm und versuchte ihn zu beruhigen. Keine leichte Aufgabe, das Vertrauen des Kindes in voller Schutzkleidung zu gewinnen. Aber, nachdem ich ihn eine Zeitlang auf dem Arm gewiegt hatte, entspannte sich Fiphya zusehends. Nun war die große Frage: Wo blieb der Vater nur? Alleine konnte man den kleinen Kerl schlecht über Nacht in der Unit lassen.

Als ich mich nach getaner Arbeit in der Unit dekontaminiert hatte und wieder „draußen“ war, waren seit Fiphyas Einlieferung schon gut vier Stunden vergangen. Von einem Familienangehörigen immer noch weit und breit keine Spur. Auch hatte sich niemand nach dem kleinen Jungen erkundigt. So langsam keimte in uns ein Verdacht.

In der Akte waren zwei Telefonnummern und eine Adresse angegeben. Ich rief beide Nummern an und erfuhr, dass beide Anschlüsse erfunden waren und die Personen am anderen Ende des Telefons rein gar nichts von einem Kind Fiphya wussten, geschweige denn, mit ihm verwandt seien. Für uns wurde immer klarer, dass hier etwas nicht stimmt.

Da die Ebola-Station aus personellen Gründen nicht in der Lage ist, eine Rundum-Betreuung für Fiphya zu gewährleisten, rief ich meinen Kollegen Dennis aus dem Straßenkinderprojekt Pikin Paddy an. Er ist ebenfalls für das Cap-Anamur-Ebola-Schutzhaus (kurz OICC) für Kinder hier in Freetown zuständig, den dem sogenannte „Survivor“ arbeiten. Das sind Ebola-Überlebende, die sich gefahrlos einem symptomatischen Kranken nähern können, weil sie selber gegen eine erneute Infektion immun sind. Ich erklärte ihm den Fall und er konnte zum Glück in kurzer Zeit eine Betreuerin für Fiphya schicken, die ihn dann für die Zeit in der Holding versorgen konnte.

Am nächsten Morgen hatte sich immer noch niemand nach Fiphya erkundigt und ab da war uns allen ziemlich klar, dass auch keiner mehr kommen würde. Die Symptome waren mehr oder weniger erfunden, um den armen Jungen bei uns abzugeben. Fiphya wurde ausgesetzt.

Zunächst waren wir fassungslos und bestürzt über die Vorgehensweise des Onkels (oder vielleicht war es ja sogar der Vater?). Dann wurde uns klar, wie verzweifelt der Mann gewesen sein musste. Vermutlich hat er gehofft, ihn bei uns in der Kinderklinik in „gute Hände“ abzugeben.

Da wir keinerlei Anhaltspunkte zu dem Umfeld hatten, in dem Fiphya die vergangenen Wochen und Monate verbracht hat, konnten wir uns auch nicht sicher sein, ob er nicht doch in irgendeiner Weise Kontakt zu Ebola-Erkrankten gehabt hat. Also entschlossen wir, ihn für die Dauer der Inkubationszeit von drei Wochen in unser Schutzhaus zu bringen, um ihn bestmöglich beobachten zu können. Die Kinder im Schutzhaus werden rund um die Uhr von speziell geschulten Überlebenden betreut, die für die Kinder sorgen, aber auch besonders nach möglichen auftretenden Symptomen achten und regelmäßig ihre Temperatur messen.

Ich selber habe Fiphya in dieser Zeit nicht gesehen, aber Dennis hat uns immer auf dem Laufenden gehalten und ihn von Zeit zu Zeit bei seinen Besuchen dort von uns „gegrüßt“. Zum Glück ist Fiphya gesund geblieben. Es sind keine weiteren Zeichen oder Symptome aufgetreten und so konnte er nach der Quarantänezeit das OICC wieder verlassen.

Die in der Zwischenzeit aufgestellten Ermittlungen von den Sozialarbeitern bezüglich Fiphyas Herkunft sind leider im Sande verlaufen. Die angegebene Adresse in der Krankenhaus-Akte war auch erfunden, wie sich herausstellte. Wir haben bis heute keinen Hinweis über seine Familie, keine Vorgeschichte über seinen Gesundheitszustand und kein Geburtsdatum. Im Prinzip wissen wir nicht einmal, ob sein Name überhaupt stimmt.

Fyphia lebt seit der Entlassung aus dem OICC jetzt mit den anderen Kindern im Pikin Paddy. Im Moment versucht das Sozialarbeiter-Team verzweifelt, eine Langzeit-Betreuung für Fiphya (und für drei andere Kinder mit einem ähnlichen Schicksal) zu finden. Eine optimale ärztliche und pflegerische Versorgung solcher Kinder ist in Sierra Leone ein großes Problem. Es gibt kaum Einrichtungen, die sich dieser Kinder annehmen. Und die wenigen, die es gibt, sind überfüllt und natürlich unterbesetzt an geschultem Personal. Ein paar wenige ausländische Organisationen, die sich mit solchen Kindern beschäftigten, haben ihre Arbeit aufgrund der anhaltende Ebola-Krise noch nicht wieder aufgenommen. Das Pikin Paddy ist als Straßenkinder-Projekt für Kinder, die eine spezielle und besonders intensive Betreuung benötigen, nicht ausreichend mit Personal und Material ausgestattet. Wie hoffen sehr, dass wir eine bessere Lösung finden werden.

Es ist erstaunlich, wie gut Fiphya in die kleine Gemeinschaft des Pikin Paddy aufgenommen wurde und wie liebevoll er, besonders von ein paar der älteren Mädchen, umsorgt wird. Bei einem meiner Besuche im Pikin Paddy konnte ich selbst miterleben wie selbstverständlich er dazugehört und es hat mich tief berührt. Er ist ein Teil der Gruppe und wird so akzeptiert wie er ist. Vielleicht gerade weil hier alle selbst ein schlimmes Schicksal mit sich tragen und sich deswegen umso mehr umeinander kümmern.

Das ist das Schöne an den Kindern: Sie hinterfragen nicht, sie nehmen an.

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