Die ersten beiden Wochen im Regionalkrankenhaus Makeni

von Anabela und Philippe Valentin

Mittlerweile sind wir zwei Wochen vor Ort im Krankenhaus von Makeni. Unser letzter Beitrag ging verspätet online, da das afrikanische Internet manchmal seine eigenen Regeln hat. Wir haben uns gut eingelebt, fühlen uns sehr wohl und gewöhnen uns immer mehr an das Klima. Trotz Regenzeit ist es sehr, sehr heiß. Regenzeit bedeutet keinesfalls konstanten Regen, eher alle paar Tage, dafür aber unglaubliche Mengen in wenigen Stunden. Dazwischen brennt die Sonne und mit der Temperatur steigt auch die Luftfeuchtigkeit. Viele Menschen vor Ort empfinden diese Zeit, in der es durch die Regengüsse auch mal auf unter 30° abkühlt, als kalt. Man sieht sogar Motorradfahrer mit Wollmütze und Daunenjacke. Angeblich wird es in der Trockenzeit noch deutlich wärmer…

Diese Bedingungen stellen besondere Anforderungen an ein Krankenhaus, speziell an ein Regionalkrankenhaus. Im deutschen Gesundheitssystem würde man diese Klinik als Maximalversorger bezeichnen, denn eigentlich sollen hier alle Patienten behandelt werden können. Selbstverständlich lässt sich das Gesundheitssystem in Sierra Leone überhaupt nicht mit dem deutschen vergleichen, jedoch bleibt der Fakt, dass Patienten, denen hier nicht geholfen werden kann, nur noch in die Hauptstadt Freetown können. Für die meisten Menschen ein unerschwingliches Vorhaben. Sie sind auf dieses Krankenhaus angewiesen.

Glücklicherweise gibt es drei lokale Chirurgen vor Ort, die Standardeingriffe wie Blinddarmentfernungen, Kaiserschnitte und Gebärmutterentfernungen beherrschen. Sie arbeiten unter in Deutschland unvorstellbaren Bedingungen: Bis vor kurzem hatte etwa 60 Prozent des Krankenhauses keinen Strom, dies konnte bereits vor unserer Ankunft durch einen Cap-Anamur-Techniker geändert werden. Jedoch stellte sich dann heraus, dass viele der vorhandenen Klimaanlagen defekt waren. Während im Kreißsaal die Temperatur noch reguliert werden konnte, war die Situation im normalen OP unerträglich. Um bei über 30° (in voller Schutzausrüstung) operieren zu können, hatte man sich mit einem Ventilator beholfen (siehe Bild). Das brachte nur wenig Linderung, ist jedoch aus hygienischer Sicht für den Patienten absolut unvertretbar. In anderen Abteilungen wie der Blutbank und im Labor gaben nach und nach Kühlschränke und andere elektrische Geräte den Geist auf, da die Raumtemperatur viel zu hoch war. Über unseren Techniker und Logistiker konnten wir zügig ein Team von Klimaanlagentechnikern aus Freetown kommen lassen und sofort Abhilfe schaffen. Während die meisten Anlagen durch Wartung und Reparatur wieder in Gang kamen, sind noch zwei Kompressoren bestellt, die hatten es hinter sich.

Das Thema OP wird uns noch weiter begleiten. Wie man auf den Bildern sieht, hängen Kabel aus der Decke. Dort hingen einst OP-Lampen, diese kaputt gegangen und entfernt worden sind. Zwei große Stand-OP-Lampen können nicht verwendet werden, da die Birnen durchgebrannt sind. Man hat sich ohne Erfolg mit den Birnen von Autoscheinwerfern zu behelfen versucht. Nun funktionieren noch einige wenige kleine Spot-Lampen. Unser Techniker sucht bereits die Birnen für die Standlampen.

Interessant ist auch das Thema Narkosegeräte: Während ein funktionales Gerät vor Ort ist und zwischen OP und Kreißsaal hin und her gefahren wird, gibt es noch ein Gerät, welches in Deutschland fast nur noch in der Veterinärmedizin verwendet wird. An sich ein tolles Gerät, man kriegt es nicht kaputt, jedoch braucht man zumindest Druckluft von außen und einen speziellen Kalk um CO² aus der Atemluft zu filtern. Beides Fehlanzeige. Das Gerät steht, seit die Regierung es geliefert hat, nur herum. Vielleicht auch besser so, denn in Deutschland bereits vor 30 Jahren vorgeschriebene Sicherheitsfunktionen fehlen komplett.

Im Bereich der Geburtshilfe haben wir Vorhänge angeschafft, diese waren während der Ebola-Hochzeit verbrannt worden. Während hier der Kreißsaal nur für Kaiserschnitte und gynäkologische Operationen verwendet wird, entbinden die Frauen auf normalem Wege in einem normalen Raum mit sieben Entbindungstischen. Da es nun keine Vorhänge mehr gab, vollkommen öffentlich und für jeden Passanten sichtbar. Nun sind die Damen zumindest unter sich, wenn schon nicht jede für sich…

Auf allen Abteilungen fehlte es an Standardausrüstung, vom Blutdruckmessgerät bis zum Fieberthermometer. Das Nötigste hatten wir bereits aus Freetown mitgebracht.

Das Pflegepersonal nimmt die ersten Veränderungen in den Abläufen nach anfänglicher Skepsis sehr gut an. Wir konnten die bisher selten belegte Überwachungsstation mehr fordern, indem wir alle Patienten nach einer OP dorthin legen ließen. Einen von uns erstellten Überwachungsbogen gab es direkt dazu. Für solche kleinen Hilfen ernteten wir Sprüche wie „God bless you“ – sehr ergreifend!

Ein großes Thema bleibt auch die Medikamenten- und Materialversorgung. Zunächst hatten wir die Hoffnung, bei der Belieferung des Krankenhauses optimieren zu können. Leider geht das nicht, hierzulande werden Gesundheitseinrichtungen nach dem so genannten „Push-System“ beliefert. Es wird nicht bestellt was gebraucht wird, sondern zentral aus der Hauptstadt „ge-pushed“ was gerade da ist. Das ist oft das, was durch internationale Hilfen ankommt. Oft kommen die Materialien kurz vor dem Verfall an, oder halt das Falsche. Einzig die Möglichkeit, durch Notfall-Bestellungen einzelne Artikel zusätzlich zu erhalten, gibt es noch. Hier werden wir eng mit der Lageristin zusammenarbeiten um von unserer Seite aus nur die Lücken zu füllen. Eine große Herausforderung, die Lageristin hat nicht wirklich den Überblick, was im Lager vorhanden ist. Ihr uralter Computer ist so virenverseucht, dass eine Datenübertragung nicht möglich ist. Unser Virenschutz löscht die Daten sofort, nebst allem anderen auf dem Stick. Also mit der Hand abschreiben…

Wir haben nun den Lagerinhalt grob erfasst, eine große, gemeinsame Inventur steht bevor. Zumindest konnten wir bereits Artikel auftreiben, die als nicht verfügbar galten, sich jedoch irgendwo im Lager versteckten. In der Beziehung können wir, ohne Geld auszugeben, einiges erreichen.

Vergangenen Freitag war bekanntlich der Ramadan zu Ende, einer der wichtigsten Feiertage in der muslimischen Welt. Im Krankenhaus war nur die Hälfte des Personals anwesend, die Christen. Das ist gesetzlich so geregelt, keiner beschwert sich darüber. Man hält es im Gegenteil für gut, an Weihnachten läuft es umgekehrt.

Auch wir gewöhnen uns immer mehr an den Muezzin, obwohl fünf Uhr morgens doch heftig ist. Allerdings hat die Moschee hier zwei verschiedene, einer singt sehr schön während der andere, naja, nicht so schön singt. Zumindest für unsere Ohren. Nach anfänglicher Begeisterung über den tollen Sänger mussten wir leider feststellen, das der Gesang vom Band kommt, mittlerweile wissen wir ganz genau, wann welcher Gesang zu hören ist.

Trotz der vielen Vorhaben für das Krankenhaus Makeni fahren wir diese Woche erneut nach Freetown, unser Ebola-Training für Behandlungszentren soll endlich stattfinden. Ob wir beide direkt danach hierher zurück kehren, oder einer vorerst in Freetown das Team im Kinderkrankenhaus unterstützt, werden wir vor Ort besprechen. Aber wir müssen hier nicht alles an einem Tag erreichen, wie die Sierra Leonies sagen: „Small, small“ (Kölsch: „Hösch, hösch“, Deutsch: „Schritt für Schritt“)!!!

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