Zwischen Wachsamkeit und Nachlässigkeit – Die längsten zwei Minuten…

von Simone Ross

Die Regenzeit in Sierra Leone ist im vollen Gange. Es regnet nun fast täglich. Mal nur kleinere Schauer, mal heftige Regengüsse über mehrere Stunden. Straßenabschnitte werden nun sehr schnell überflutet, Müll und Dreck wird durch die Straßen und Kanäle gespült und in dieser Zeit des Jahres gibt es auch die meisten Malaria-Fälle. Durchfall- und Magen-Darm-Erkrankungen vermehren sich ebenfalls. Wir merken das besonders an den stetig steigenden Patientenzahlen in der Unit. Teilweise werden im Moment bis zu 100 Patienten pro Woche bei uns aufgenommen, da man Ebola durch die unspezifischen Symptome nicht von Vornherein ausschließen kann.

Wir mussten sogar das Dach unsere Unit erweitern. Denn der Abschnitt, von wo aus die Mitarbeiter im Außenbereich mit denen im Gebäude kommunizieren und ihnen assistieren sowie der Besucherbereich, nicht ausreichend für die Regenzeit geschützt war.

Der einzige Vorteil der Regenzeit: Die Sonne scheint nun nicht mehr so erbarmungslos auf das Wellblechdach und das Arbeiten in den Schutzanzügen ist bei den jetzigen Temperaturen fast schon als erträglich zu bezeichnen.

Bevor man die Red-Zone betritt, sollte man seine Arbeitsmaßnahmen gut planen und alles vorbereiten, denn einen Weg zurück gibt es nicht mehr, wenn man einmal die Absperrung zur ersten Station hinter sich hat. Außerdem ist es sehr wichtig, vorher ausreichend Flüssigkeit getrunken zu haben und sich zumindest nicht auf nüchternen Magen den Strapazen auszusetzten.

Das sogenannte PPE (Personal Protection Equipment) besteht aus mehreren Teilen, die Schritt für Schritt und mit Hilfe und Assistenz durch eine andere Person angezogen wird. Das korrekte Ankleiden ist die erste wichtige Eigenschutzmaßnahme. Der erste Schritt besteht aus einem Paar Einmalhandschuhen. Anschließend wird der einteilige Plastikanzug mit einem weiteren Paar Handschuhen angezogen. Eine Mund-Nasen-Maske sowie ein Gesichtschild und -schutz (in manchen Units werden auch spezielle Brillen benutzt) sollen die Übertragung der Viren über die Schleimhäute im Gesicht verhindern. Zum Schluss wird über den Anzug eine Einmalschürze angelegt und wir tragen noch zusätzlich ein drittes Paar Handschuhe, welches man einfacher nach jedem Patientenkontakt wechseln kann. Um eine Person in dieser Verkleidung noch wiederzuerkennen, werden Namen, Funktion (Arzt, Schwester, Labor-Assistent,…) und Uhrzeit auf dem Anzug notiert.

Dann ist man bereit, den Hoch-Risiko-Bereich zu betreten.

Schnelles Laufen oder gar zu einem kranken Patienten eilig hin hasten ist in dieser Montur nicht möglich. Alle Abläufe in der Unit sind sozusagen auf „Slow-Motion“ gesetzt, da das Schwitzen schon nach wenigen Minuten anfängt und man sich seine Energie optimal aufteilen muss. Außerdem ist die Bewegungsfreiheit in dem Schutzanzug sehr eingeschränkt. Auch das Sichtfeld ist durch das Geschichtsschild beeinträchtigt, manchmal sieht man dadurch „verspiegelt“ oder das Schild fängt an sich zu „vernebeln“. Von den ohnehin schon schlechten Lichtverhältnissen in der Unit mal ganz abgesehen. Keine besonders guten Voraussetzungen, um sich einem kranken Kind zu nähern. Diese haben meistens fürchterliche Angst und sind von den Schutzanzügen völlig erschrocken.

Wenn man einmal in der Station ist und die Patienten von Nahem sieht, mit ihnen und der Begleitperson spricht und zum Beispiel Medikamente verteilt, kann und muss man sehr schnell herausfiltern, wem es den Umständen entsprechend gut geht und wer kritisch krank ist und weiterte Aufmerksamkeit braucht.

Es gibt jedoch kaum Möglichkeiten, den schwer kranken Patienten ausreichend zu helfen. Es gibt keinerlei Überwachung der Vitalparameter (außer den Puls zu fühlen), keine Maßnahmen, um bestimmte Blutwerte oder Blutgase zu ermitteln, Geräte zur Atemunterstützung oder auch nur Sauerstoffgabe sind nicht möglich. Wir können Infusionen geben, um den Blutzucker und einige Elektrolyte aufrecht zu erhalten, wir können die Blutgruppe eines Patienten bestimmen, um eine Bluttransfusionen durchzuführen (sofern ein Angehöriger als Spender zur Verfügung steht oder das nötige Geld vorhanden ist, um die benötigte Menge zu kaufen), alle intravenösen Medikamente werden aus der Hand gespritzt, Spritzenpumpen oder Infusomaten gibt es nicht. In Einzelfällen können wir bei sehr, sehr schwachen und/oder unterernährten Patienten eine Magensonde legen.

Oftmals rufen uns die Mütter panisch um Hilfe, wenn das Kind Krampfanfälle hat (was sehr häufig vorkommt) oder so krank ist, dass es schon Atemaussetzer hat und im Sterben liegt. Bis man sich in solchen Situationen erst einmal richtig angezogen hat und beim Patienten ist, vergeht schon einige Zeit.

Und wie hilft man nun einem Kind, das nicht oder nur noch schnappend atmet, einen kaum mehr fühlbaren Puls hat oder erweiterte Wiederbelebungsmaßnahmen bräuchte, man aber nichts zur Verfügung hat? Einen Beatmungsbeutel gibt es nicht, eine Mund-zu-Mund Beatmung kann man selber aufgrund der Schutzausrüstung nicht durchführen, die Mutter damit zu beauftragen endet in einem lautem Weinkrampf, weil sie mit der Situation ihres sterbenden Kindes natürlich völlig überfordert ist und nicht mehr ein noch aus weiß. Wie adäquat ist es und wie lange wäre sie in der Lage dies durchzuführen? Die Testergebnisse kommen erst am nächsten morgen… Kreislaufanregende Medikamente? Adrenalin, Dobutamin, Arterenol … sind hier nur Begriffe aus den Lehrbüchern. Woher nehmen? Wie kontrollieren und überwachen?

Man verliert bei der Arbeit in der Red-Zone schnell das Zeitgefühl. Wenn man in der dritten und letzten Station angekommen ist und das Gefühl hat, allen Patienten einigermaßen passende Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, merkt man erst, dass einem selber der Puls rast, der Schweiß nur so am Körper runter läuft und die Maske einem das Atmen immer schwerer macht. Es wird Zeit, die Unit zu verlassen.

Und hier kommt nun der gefährliche Teil, der Teil, bei dem sich (gerade zu den Anfangszeiten des Ebola-Ausbruchs) das meiste Personal selbst mit dem Virus infiziert hat: Die eigene Dekontamination.

Bevor man in den „Auszieh-Bereich“ geht, muss man durch zwei Fußbäder. In jedem dieser mit Chlor gefüllten Behälter muss man jeweils eine Minute drinstehen. Diese zwei Minuten sind die längsten, denn am liebsten möchte man sich den Schutzanzug einfach nur runter reißen, um wieder einen Lufthauch zu spüren.

Aber auch danach darf keine Eile oder Hast aufkommen. Dadurch passieren Fehler. Fehler, die für allzu viele tödlich endeten. Noch einmal Konzentration und sich Schritt für Schritt an die Regeln halten. Da ist der Sprayer, der dabei assistiert und unterstützt, gleichzeitig überwacht und korrigiert, um Fehler zu verhindern. Die Schürze entfernen … Hände unter Chlorwasser waschen, die äußeren Handschuhe entfernen … Hände unter Chlorwasser waschen … den Reißverschluss des Anzugs aufmachen … Hände unter Chlorwasser waschen … so „befreit“ man sich nach und nach von seiner PPE. Wenn man dies gewissenhaft und in Ruhe macht, dauert die ganze Prozedur so an die 10 Minuten.

Wenn man anschließend schweißüberströmt im Schwesternzimmer sitzt, versucht sich wieder einigermaßen zu regenerieren und endlich etwas kaltes zu trinken in der Hand hat, fragt man sich schon manchmal, warum man sich diesen Strapazen aussetzt…

Aber spätestens, wenn man von den Schwestern, entweder alle zusammen im Chor oder eine nach der andern, mit den Worten „Thank you for going in“ begrüßt wird, erübrigt sich die Frage.

Die gegenseitige Wertschätzung der Arbeit wird nicht als selbstverständlich hingenommen, sondern durchs Team jeden Tag neu bekräftigt – selbst nach der langen Zeit, in der die Unit nun schon läuft und besonders unter diesen schwierigen Umständen.

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