Die vergessenen Kinder von Freetown

von Dennis Wellmann

 Was kommt uns eigentlich in den Sinn, wenn wir an Kinder aus Afrika denken? An ein sich vor Hunger krümmendes Kind vielleicht, auf dessen Tod der Geier im Hintergrund nur wartet? Mit solchen Bildern kann man übrigens Preise gewinnen. Das besagte Foto, aufgenommen vom Fotojournalisten Kevin Carter, gewann den renommierten Pulitzerpreis.

Wir denken vielleicht auch an Kinder, die mit AIDS infiziert sind oder an anderen Infektionskrankheiten, wie Malaria, sterben müssen. Es ist schon richtig, die Kindersterblichkeit auf dem afrikanischen Kontinent, so auch in Sierra Leone, ist enorm hoch und ihre Ursachen sind komplex.

In der kurzen Zeit, in der ich in diesem Projekt mitarbeiten darf, ist es mir vergönnt gewesen, zum einen die Arbeit auf der Ebola-Isolationsstation kennenzulernen. Dort habe ich die Seite miterleben müssen, die auch bei uns in Europa bekannt sein dürfte: Kinder, die unter anderem an Infektionskrankheiten sterben müssen, weil das Fieber sie schon soweit geschwächt hat, dass in manchen Fällen keine Hilfe mehr möglich ist. Im Straßenkinderprojekt Pikin Paddy dagegen begegne ich Kindern, die den Medien keine Meldung wert sind. Sie scheinen im öffentlichen Bewusstsein gar nicht zu existieren. Warum das so ist, das lässt sich nur erahnen. Und es macht mich sehr nachdenklich, wenn ich mir mögliche Antworten zurechtlege. Die Kinder, von denen ich hier erzählen möchte, sind der hiesigen Gesellschaft nicht nützlich. Im Gegenteil. Sie kosten Aufmerksamkeit, Zeit und vor allem Geld. Ich erzähle von Kindern mit körperlicher und geistiger Behinderung.

Viele Familien in Sierra Leone haben es schwer, sich und ihre Kinder durchzubringen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Kinder früh bei der Arbeit mithelfen. Sind die Kinder dazu nicht in der Lage, so werden sie zur Last. So also sind die Kinder dann von der Liebe und Zuneigung ihrer Eltern und der Familie abhängig, gleichzeitig aber auch von ihrer finanziellen und sozialen Situation. Ich erfahre, dass es in Sierra Leone leider kein Einzelfall darstellt, dass körperlich und geistig behinderte Kinder von ihren Eltern ausgesetzt werden. Nun, es passiert auch in Deutschland, dass Kinder ausgesetzt werden. Nur sind die Konsequenzen für die Kinder unmittelbarer. Man schert sich keinen Deut um das Schicksal der Ausgesetzten, insbesondere dann nicht, wenn diese körperlich und geistig auffällig sind. Diese Kinder sind die nicht Gewollten und Vergessenen in der Sierra Leonischen Gemeinschaft.

Es sind Geschichten, die einen verzweifeln und gleichzeitig hoffen lassen, die traurig aber auch froh machen können. Aber sie sind vor allem eins: lehrreich. Lehrreich deswegen, da man gezwungen wird, bisherige Wertvorstellungen zu hinterfragen. Die Kinder, die mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen betreut werden, haben allesamt bereits einen traurigen Lebensweg hinter sich, obwohl manche von ihnen gerade Mal über ein Jahr alt sind.

Mit Beharrlichkeit und Nächstenliebe

Da ist das kleine Mädchen Monday. Als sie im November 2014 von der Polizei gefunden und vom Ministerium für Soziale Fürsorge zu uns gebracht wurde, kannte man ihren richtigen Namen und ihr Alter nicht. Jedenfalls hat man sie dann nach jenem Tag benannt, an dem sie gefunden wurde. Monday war vollkommen allein, sie wurde mitten in der Stadt ausgesetzt. Die Eltern wollten sie nicht. Mondays Verhalten war anders als das der anderen Kinder. Sie war aufgrund ihrer körperlichen Behinderung nicht in der Lage, zu sitzen. Durch ihre geistige Beeinträchtigung machte sie unwillkürliche ruckartige Bewegungen. Besonders auffällig war, dass Monday regelmäßig mit ihrem Kopf gegen die Wand oder das Bettgeländer gehauen hat. So war es die erste pflegerische Aufgabe, für ihre Sicherheit zu sorgen und ihre Umgebung abzupolstern um ernste Verletzungen zu vermeiden. Ich rechne es meinem Vorgänger Ole und dem Team sehr hoch an, dass sie durch Beharrlichkeit, Geduld und Nächstenliebe die kleine Monday mit den begrenzten Mitteln, die einem hier zur Verfügung stehen, sehr gut versorgt und weitergebracht haben. Ich erinnere mich an die Aussagen der Mitarbeiter, die die kleine Monday von Beginn an kennen, dass sie nicht in der Lage war zu stehen, geschweige einen Schritt zu laufen. Sie wurde auf etwa drei Jahre geschätzt. Heute ist sie in der Lage, am Geländer zu stehen und mit Hilfe ein paar Schritte zu laufen. Wenn Monday Aufmerksamkeit braucht, macht sie sich durch Schreien oder durch das Hauen mit dem Kopf auf der Matratze bemerkbar. Es ist erstaunlich, wie sehr Monday sich beruhigt, wenn man sie dann im Arm hält.

Krankheit und Lebenslust

Dann ist da die etwa ein Jahr und einige Monate junge Zoe. Sie wurde im Februar dieses Jahres von Privatpersonen auf einer Straße in der Nähe eines Krankenhauses gefunden. Sie war dem Tod näher als dem Leben und musste dementsprechend in einem Krankenhaus versorgt werden. Mitten im Februar war der Höhepunkt der Ebola-Krise zwar schon vorbei, aber es gab immer noch keinen Grund, aufzuatmen. Als Findelkind galt man noch immer als potentielle Gefahr. Daher wurde Zoe, nachdem sie gesundheitlich stabilisiert worden war, in unser Ebola-Schutzhaus gebracht, wo wir sie 21 Tage betreut haben. Nun galt Zoe zwar als ebolafrei, hatte aber niemanden, der sich um sie kümmert. So wird Zoe bis zum heutigen Tag bei uns im Pikin Paddy betreut und gepflegt. Zoe ist heute ein ziemlich lebenslustiges Kind. Wann immer ich in ihr Gesicht blicke, antwortet sie mir mit einem breiten Lachen. Es scheint dann immer, als hätte Zoe ihre Vergangenheit hinter sich gelassen.

Krisen und Neuanfänge

Von meiner Kollegin Simone kennen wir bereits die Geschichte von Fiphya. Der kleine Junge wird bis zum heutigen Tag von uns betreut. Fiphya hat einen ähnlich traurigen Lebensweg hinter sich. Aber es erstaunt und erfreut mich immer wieder aufs Neue, wie selbstverständlich jedes neue Kind, so auch diese besonderen drei, in die Gemeinschaft des Pikin Paddy aufgenommen werden. Es ist schön zu sehen, wie sich die Kinder gegenseitig in den Arm nehmen und sich auch mental motivieren. Es gibt, wie bei uns in Deutschland auch, die normalen Reibereien ums Spielzeug. Es herrscht die einfach die Lebendigkeit des Kindseins. Die Kategorien von normal und nicht normal existieren hier nicht. Jeder ist Teil der Gemeinschaft.

Mit der Arbeit im Straßenkinderprojekt bin ich mit einer komplexen Realität konfrontiert. Es gibt keine einfachen Erklärungen. Ich ertappe mich dagegen oft, wie wütend ich auf die Mütter und Väter der ausgesetzten und alleingelassenen Kinder bin. Doch frage ich mich auch gleichzeitig, in welch verzweifelter Situation sie gesteckt haben müssen. In Sierra Leone ist es nicht leicht Kinder großzuziehen. Die soziale und finanzielle Situation ist für sehr viele Familien mehr als schwierig. Die Betreuung und Versorgung von körperlich und geistig beeinträchtigten Kindern treibt selbst im modernen Deutschland Menschen an ihre Grenzen. Ich hüte mich also davor, den moralischen Zeigefinger zu erheben.

Doch anders als in Deutschland existieren in Sierra Leone nicht die sozialen Sicherungssysteme und Institutionen, um Pflege und Betreuung von geistig und körperlich behinderten Kindern zu finanzieren und sicherzustellen. Zwar gibt es ein Sozialministerium in Sierra Leone, doch hat es von allen Ministerien das niedrigste Budget. Das Land mit seinen Kindern ist also leider auf die Hilfe von ausländischen Organisationen angewiesen.

Mit unserem Straßenkinderprojekt haben wir Verantwortung für diese Kinder übernommen. Sie bekommen Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung und vor allem emotionale Zuwendung. Das geht mitunter bis an unsere mentalen, körperlichen und finanziellen Grenzen. Aber die Arbeit lohnt sich: Mondays Fortschritte beim Laufen, das Lachen von Zoe und die großartig melancholischen Augen von Fiphya erübrigen jeden Zweifel. Es ist unsere Aufgabe, die Kinder, die niemand will, nicht vergessen zu machen.

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