Der Countdown zur Normalität

von Simone Ross

42 Tage – oder zweimal 21 Tage. Zweimal den Zeitraum hinter sich bringen, den man in der Infektiologie auch Inkubationszeit nennt. Die Zeit, zwischen Infektion mit einem Krankheitserreger und dem Auftreten der ersten Symptome. Im Fall von Ebola beträgt diese Spanne bis zu 21 Tage.

Erst dann wird diese Epidemie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als überstanden und beendet erklärt. Mit dem Zählen der 42 Tage wird dann begonnen, wenn der letzte Ebola Patient in einem Behandlungszentrum zweimal hintereinander ein negatives Ergebnis im Bluttest erhält und somit entlassen werden kann. Hier in Sierra Leone ist es diese Woche soweit.

Die Menschen hier im Lande sehnen sich nach „ihrem Alltag“ zurück. Der Ausnahmezustand, der mehr oder weniger seit Ausbruch des Virus Ende Mai letzten Jahres herrscht, ist in den letzten Monaten immer mehr aufgelockert worden.

Reduzierung der Sicherheitsvorkehrungen

Die letzte mehrtägige Ausgangssperre fand im März 2015 statt und liegt somit lange zurück. Ebenso sind die Schulen seit Ende April wieder geöffnet und man sieht morgens die Kinder und Jugendlichen in ihren verschiedenen Schuluniformen zum Unterricht laufen – in kleinen Gruppen, mit Freunden – lachend und motiviert. Sie dürfen nun endlich wieder am Leben teilhaben.

Im Juni wurden weitere Sicherheitsvorkehrungen reduziert. Supermärkte und Geschäfte durften ihre Verkaufszeiten verlängern. Ebenso gilt dies für Restaurants und Bars. Viele Lokale mussten zuvor schließen, weil in dieser Krise die Kunden ausblieben. Nun erwachen manche aus einer Art Dornröschen-Schlaf nach etwa einjähriger Zwangspause.

IMG-20150824-WA0012                     IMG-20150824-WA0004

Märkte öffnen, die Straßen füllen sich langsam

Märkte und Straßenhandel, Obst- und Gemüseverkäufer – sie alle dürfen ihre Waren wieder anpreisen. Und das tun sie auch fleißig in den Straßen von Freetown. Man hat das Gefühl, jeden Tag werden es mehr, jeden Tag ein paar mehr Menschen auf der Straße, die etwas zu verkaufen haben. Jeden Tag mehr Leute, die sich durch die engen, staubigen und mit Schlaglöchern übersäten Gassen drängeln. Besonders im ärmlichen und dichtbesiedelten Ostteil der Stadt.

Sie alle hoffen nun wieder auf bessere Zeiten und natürlich auch auf das ein oder andere gute Geschäft am Tag.

IMG-20150824-WA0007                     IMG-20150824-WA0003

Zusätzlich in dieses Gedränge dürfen nun auch die waghalsigen, unerschrockenen und ständig hupenden Motorradfahrer ihre Kundschaft wieder hin und her fahren. Vor kurzem wurden auch diese eingeschränkten „Betriebszeiten“ gelockert. Ob es allerdings für die allgemeine Sicherheit im Straßenverkehr sinnvoll ist, bleibt dahingestellt…

Das Leben kehrt zurück

Vor 2 Wochen erst hat der Präsident weitere Maßnahmen aufgehoben: Das Verbot von öffentlichen Treffen und Zusammenkünften besteht nicht mehr. Besonders deutlich merkt man dies in letzter Zeit am „Stadtstrand“ hier in Freetown. Vor ein paar Wochen noch leer und vereinsamt treffen sich dort nun immer mehr Menschen, besonders an den Wochenenden. Entspannen, Lachen, Fußball spielen… Gruppensport im Allgemeinen darf auch wieder offiziell stattfinden.

Das Stadion von Freetown wurde in der Hochphase der Krise zu einer Ebola-Schulungsstätte inklusive nachgebauter Behandlungsstation umfunktioniert. Es wird sicherlich noch einige Zeit dauern, bis es seine ursprüngliche Funktion zurückbekommt, die Reparaturarbeiten abgeschlossen sind und die Zuschauer erneut ihren Teams zujubeln dürfen.

Nach all dem Leid, der Trauer, den traumatischen Erlebnissen und den Entbehrungen der letzten Monate wünscht man den Einwohnern von Freetown umso mehr, dass der Countdown nochmal Ansporn für die restliche Zeit gibt, wachsam und umsichtig zu bleiben, damit das „normale Leben“ endlich wieder Einzug erhält – wenn alles gut geht in 42 Tagen.

IMG-20150824-WA0014                     IMG-20150824-WA0008

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s