Drei Monate in Sierra Leone – Zehn Wochen im Regionalkrankenhaus Makeni

von Anabela & Philippe Valentin

Nun sind wir bereits drei Monate in Sierra Leone, Zeit, auf unsere Eindrücke und auf unsere bisherige Arbeit zurück zu blicken. Zunächst einige Eindrücke zu Land und Leuten:

Neben dem Englischen als Amtssprache herrscht das Krio vor. Eine interessante Mischung aus vielen englischen, aber auch spanischen und portugiesischen Elementen. Es wird hier oft als „broken English“ bezeichnet, geschichtlich kommt das „zerbrochene Englisch“ von geflohenen oder zurückkehrenden Sklaven. Seit wir uns etwas eingehört haben, können wir Gesprächen teils gut, teils weniger gut folgen. Floskeln lernt man sehr schnell: howdi monin – wie geht es heute Morgen; howdi bodi – wie geht es dir; plenti, plenti tänki – vielen, vielen Dank. Frauen jeder Altersgruppe werden gerne mit „mami“ angesprochen, Männer mit „papi“. Andere Worte wie zum Beispiel Pikin – Kind kommen aus dem spanisch-portugiesischen Sprachraum, das Wort pequenho ist noch gut zu erkennen. Neben dem Krio gibt es noch reichlich Stammessprachen wie Timni oder Mende, da versteht der Ausländer nix. Beispiel Mauwi – Hunger, das kann man sich nicht herleiten.

Obwohl Sierra Leone auf dem Armutsindex im Vergleich sehr weit oben steht, gibt es wie in anderen Ländern der dritten Welt, auch sehr reiche Menschen. Die Schere zwischen arm und reich klafft extrem weit auseinander. Einer kleinen Minderheit, die Autos fährt, welche wir uns als deutsche Krankenpflegekräfte niemals leisten könnten, steht eine breite Masse gegenüber, die von Tag zu Tag irgendwie über die Runden kommen muss. Für diese Menschen kann medizinische Versorgung unbezahlbar sein. Wer das Glück hat, einen in Deutschland, Holland oder Belgien vor zwanzig Jahren ausgemustertes Fahrzeug zu besitzen, versucht sich als Taxi- oder Podapodafahrer (Kleinbus, gerne frühere Handwerkerfahrzeuge). Malerbetrieb Müller, Pizzataxi Di Mario steht noch neben den alten „D“-Aufklebern, Weerksverkeer neben den „NL“-Aufklebern. Diese Fahrzeuge bleiben oft am Straßenrand liegen, nach Einbruch der Dunkelheit wird es sehr unangenehm, da die meisten wenig bis kein Licht haben.

Nicht nur bei Fahrzeugen, auch bei allen Gegenständen des täglichen Bedarfs beschleicht uns der Eindruck auf der „Müllhalde“ der ersten Welt gelandet zu sein. Kleider aus der Altkleidersammlung wirken teils skurril (Aufdruck: Junggesellenabschied – in 29 Tagen unter der Haube…), aber auch neue Produkte, oft für die meisten Menschen kaum erschwinglich, haben mieseste Qualität. Hauptexporteur ist ganz klar China, auch Indien ist vertreten. Von Glühbirnen die zwei Tage halten (10 Prozent sind schon beim dem Kauf hin) bis zu Vorhängeschlössern die nach 24 Stunden rostig sind, die Liste ließe sich endlos fortsetzen…

Unseren ersten Eindruck von der Regenzeit müssen wir revidieren, im August regnete es nicht mehrmals am Tag sondern tagelang. Während es jetzt im September wieder weniger wird, kommt es doch zu kürzeren aber zum Teil sehr heftigen Niederschlägen. Vor zwei Tagen gab es in der Hauptstadt Freetown starke Überschwemmungen, Häuser und Fahrzeuge wurden weggespült und es kam zu mehreren Todesfällen. Wir im sogenannten „Upcountry“ wurden verschont, die Meldungen aus Freetown kommen per Gerücht hier an und hören sich alles Andere als gut an. Trotzdem ist dies in dem von Ebola gezeichneten Land die weniger traurige Nachricht. Vor etwa einem Monat wurde der Beginn des Countdowns, des Zählens der Tage ohne Ebola, begonnen und ausgelassen gefeiert. Anderthalb Wochen später war es vorbei mit der Freude, im Norden des Landes wurde ein ungeklärter Todesfall positiv getestet, in der Folge kam es zu zwei weiteren Fällen. Nachdem es dann wieder einige Zeit ruhig schien, kam es am vergangenen Wochenende ganz in unserer Nähe zu einem weiteren Fall. Unsere Region war bereits mehrere Monate frei von dem Virus. Wie sich die mittlerweile verstorbene Patientin infizieren konnte, ist noch nicht geklärt. Wilde Gerüchte sind im Umlauf, von offizieller Seite (Regierung und WHO) wird nachgeforscht.

Was unsere Arbeit angeht, unsere Sterilisationseinheit funktioniert. Technische Probleme konnten nach und nach gelöst werden, das Personal geschult. Erst beim Schulen stellte sich heraus, dass vorher mit dem vorhandenen Gerät überhaupt nicht sterilisiert wurde. Das Gerät wurde überladen, falsch eingestellt und die nötige Zeit nicht eingehalten. Die OPs sind somit versorgt. Im nächsten Schritt wollen wir weitere Instrumente anschaffen, um die Notaufnahme, die Entbindung und den Verbandswechselraum mit sterilen Instrumenten versorgen zu können. Bisher werden die wenigen vorhandenen Instrumente, wenn überhaupt, zwischen den Patienten kurz abgewaschen…

Weitere Baupläne mussten verschoben werden, da durch die Regenzeit auffiel, dass die meisten Dächer undicht waren. An vielen Stellen wurde die Decke feucht, an einigen regnete es direkt durch, so dass Betten gesperrt werden mussten. Wir befürchteten Folgeschäden an der Dachkonstruktion und an der darunter liegenden Elektrik, also musste sofort eingeschritten werden. Warten hätte die Reparatur noch viel aufwändiger gemacht. Mittlerweile sind die Dächer von außen dicht, fast alle Innendecken ersetzt. Wir wenden uns nach und nach der Elektrik zu, zunächst wurde das Licht in allen Zimmern repariert/ersetzt. OP und Eingriffsräume zu allererst. Toiletten und Flure sind noch in der Warteschleife.

Was diese Reparaturarbeiten angeht sind wir im engen Kontakt mit der irischen Nichtregierungsorganisation GOAL, an dem halb verfallenen Krankenhaus gibt es für beide Organisationen genug zu tun. Sie reparieren primär Wasser- und Sanitäranlagen und wollen sich im Bereich Müllverbrennung engagieren. Daneben haben sie einen nigerianischen Krankenpfleger vor Ort der das IPC-Programm (Infection Prevention and Control) beaufsichtigt – kurz gesagt auf Schutzkleidung und Hygiene achtet. Wir verstehen uns privat wie beruflich sehr gut, sprechen uns ab und vertreten dieselbe Linie um Standards in den Stationen zu etablieren und zu erhalten – ein Sysiphosarbeit, die gemeinsam ein wenig leichter wird. Und nach getaner Arbeit konnten wir gemeinsam die ersten Champions-League-Spiele begutachten…

Auch in unserem Team gibt es Neuigkeiten: Unsere Kollegin Antonia von Haller ist auf ärztlicher Seite dazu gestoßen und hat das Vergnügen im Bereich der Inneren Medizin tätig werden zu dürfen. Diesen Bereich hatten wir direkt zu Anfang neben der Pädiatrie als einen der Brennpunkte gesehen. Während in der Pädiatrie der fehlende Platz das Hauptproblem darstellt, fehlt es in der inneren Abteilung an ärztlicher und pflegerischer Versorgung. Diese Abteilung hat noch einen sehr langen Weg vor sich, diesen wollen wir als Team bestreiten.

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Ein Gedanke zu “Drei Monate in Sierra Leone – Zehn Wochen im Regionalkrankenhaus Makeni

  1. Vielen Dank für die Infos aus dem Land des Lächelns! Es ist immer etwas anderes wenn Menschen aus der Region selbst berichten. Hier sind die Infos eher spärlich! Alles Gute für euch dort, viel Kraft und auch Freude mit den Menschen wünscht euch, als ehemalige Freetown Mitarbeiterin, Sigrid

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