Im Grab des „schwarzen Mannes“

von Dennis Wellmann

Morgen soll es dann endlich soweit sein: Sierra Leone wird als Ebola-frei erklärt werden. Die Menschen werden aufatmen und die vergangenen schweren und leidgeplagten Monate hinter sich lassen. Doch die Zeiten, die diesem Land noch bevorstehen, werden ebensolche Opfer fordern und Leid hervorbringen.

Was bedeutet das genau? Bereits vor dem Ausbruch der Epidemie belegte Sierra Leone, laut dem UNO-Entwicklungsindex, die vordersten Plätze der am wenigsten entwickelten Länder der Erde. Die Infrastruktur sowie das Bildungs-und Gesundheitssystem sind weit entfernt von europäischem Niveau. Die Kindersterblichkeit von unter fünf-Jährigen gehört zu den höchsten der Welt. Diese Probleme werden auch mit der offiziellen Erklärung der Ebolafreiheit immer noch da sein.

Warum so negativ? All die aufgelisteten Probleme liegen praktisch jeden Tag vor unserer Haustür. Unser Straßenkinderprojekt Pikin Paddy liegt mitten im Armenviertel der Hauptstadt Freetown. Ein richtiger Moloch. Hier schläft praktisch niemand. Es ist immer laut und es herrscht immer ein pulsierendes Treiben – Tag und Nacht. Unser Gebäude ist von unzähligen Marktständen umgeben. Die Menschen hier leben davon, Dinge aller Art zu verkaufen, Lebensmittel und allerlei Kram. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Subsistenzwirtschaft und marktwirtschaftlich orientierter Ökonomie. Man sieht Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit absichern, indem sie Lebensmittel aus eigenem Anbau verkaufen und Menschen, die Billigware aus China verramschen. Das ist die Hagan Street, in der unser Straßenkinderheim liegt. Das Gebäude liegt ziemlich am Anfang der Straße. Man kann es auch als Vorhof zur Hölle bezeichnen. Doch bevor man die Hölle betritt, kommt man noch an der hiesigen Polizeistation vorbei, die in direkter Nachbarschaft zu unserem Gebäude steht.

Der geneigte Leser möge mir den Vergleich von Luzifers Heimstatt mit Freetowns Armenviertel verzeihen, aber ich könnte mir vorstellen, dass es dem durchschnittlichen Westeuropäer durchaus unangenehm sein könnte, hier länger zu verweilen.

Und es sind nicht unbedingt meine Worte.“Willkommen in der Hölle“ werde ich begrüßt, als ich mich aufmache, abseits der Hauptstraße in die Nebengassen zu gehen, um meine unmittelbare Nachbarschaft kennenzulernen. Ich stellte erleichtert fest, dass auch diesen Menschen Sarkasmus nicht fremd war und erwiderte mit einem höflichen „Danke“. Das ist also wichtig zu wissen. Die Leute hier haben Humor und sind auch sehr freundlich. Sie lachen der Hölle also buchstäblich ins Gesicht.

So mache ich mich denn auf, um eine wirklich unwirkliche Welt zu betreten, von der man denken mag, sie entspränge der Fantasie eines Romanciers. Mitnichten. Was mich hier erwartet, ist purer Überlebenskampf. Und in der Tat, hier überleben wirklich nur die Starken. Das Immunsystem der Bewohner. Ich schätze, ich persönlich hätte hier nix zu lachen, sprich: ich würde unter dem harten Lebensalltag sehr wahrscheinlich zusammenbrechen.

Der Zweck meines Besuches ist es unser Hygieneprojekt im Armenviertel zu besuchen. Cap Anamur unterstützt dort die Reinigung und Desinfektion von Toiletten. Die eigentliche Desinfektion und Reinigung übernehmen dabei die Bewohner des Armenviertels selbst. Cap Anamur stellt Material und Know-how zur Verfügung. Außerdem erhalten die Reinigungskräfte ein Gehalt, da die Reinigung ein Fulltime-Job darstellt und natürlich ordentlich und gewissenhaft durchgeführt werden muss.

Der Besuch im Armenviertel ist ein Angriff auf die Sinne: Die Augen werden überwältigt von Bergen aus Müll und Kindern, die sich auf den Hügeln aus altem Ramsch, verfaulten Lebensmitteln und zerschlissen Klamotten tummeln, um vielleicht Gegenstände zu finden, die sie verkaufen oder mit denen sie spielen können. Das, so habe ich feststellen müssen, ist ein Klischee von Afrika, das leider grausame Realität ist.

Die Nase wird überwältigt von Strömen aus Kot, faulen Lebensmitteln und Schweiß. Und die Haut muss sich der ständigen Aggressivität von beißenden Moskitos erwehren, die hier offenbar auch in Tagschicht arbeiten.

Auch wenn das Ebola-Virus beinahe besiegt scheint, so kümmert das die Malaria und Cholera in diesem Armenviertel wenig. Vor allem die Malaria ist immer noch eine der häufigsten Todesursachen für Kinder, weil es häufig an Medikamenten fehlt. Vor allem fehlt es aber an Zugang zu sauberem Wasser und einer funktionierenden Infrastruktur zur Entsorgung von Müll und Abwasser.

Insgesamt versorgen wir zehn Toilettenhäuser, die verstreut in den verschiedenen Vierteln der Slums, der sogenannten Wharfs, verteilt sind. Als ich am ersten Toilettenhaus ankomme, sind meine Sachen schon durchgeschwitzt und ich habe noch neun Häuser vor mir. Ich kann also mit einem zwei Stundenaufenthalt rechnen. Ich frage den Verantwortlichen: „Alles soweit in Ordnung hier? Gibt’s Probleme?“ All das natürlich auf Englisch. „Alles soweit in Ordnung. Aber das Sprühgerät ist heute Morgen kaputt gegangen und die Seife geht langsam zu Ende. Außerdem brauchen wir nochmal Handschuhe“. Ich mache mir eifrig Notizen während er das sagt und verspreche, so schnell wie möglich Nachschub zu besorgen.

Ich werde während meiner „Visite“ von Saidu Bah begleitet. Ein hochgewachsener, kräftiger Mann, dessen stoische Art mir sehr zusagt. Er ist in der Community sehr geschätzt und ohne ihn wäre es sehr viel schwieriger für mich, Zugang zur Community zu haben. Saidu Bah hat von der Welt schon einiges gesehen. Er schlug sich von Sierra Leone über Guinea , Burkina Faso und Mali bis nach Südeuropa durch und hat einige Jahre in Frankreich und Spanien auf Plantagen gearbeitet, bis er wieder nach Sierra Leone abgeschoben wurde.

In all den Jahren davor hat sich Cap Anamur viel Respekt in der Community erarbeitet. Vor allem weil Cap Anamur während der Ebola-Hochzeit nicht das Land verlassen hat, sondern geblieben ist, um zu helfen. Das schätzen die Menschen hier und nun profitiere ich davon.

Wir laufen nun weiter durch schmale Gassen, Kinder spielen Fangen oder mit kaputten Bällen. Die Männer schauen gelangweilt aus den Fenstern ihrer Wellblechhütten und blicken interessiert dem fremden weißen Mann zu, der gerade ihre Privatsphäre durchdringt. Ich gehe an vielen Kochtöpfen vorbei, deren Inhalt ich vom Pikin Paddy her kenne. Reis mit einer Soße aus Maniokblättern, oder einem Mangoeintopf. Die Sierra Leoner sind übrigens immer ein wenig amüsiert, wenn ich eines ihrer Gerichte mit verschweißtem und verzogenem Gesichtsausdruck zu mir nehme, da ich scharfes Essen nur unzureichend gewohnt bin.

Die Reinigungskräfte, die für Cap Anamur in diesem Projekt arbeiten sind sehr stolz auf ihre Arbeit. Sie gibt ihnen in vielerlei Hinsicht Sinn. Erstens können sie auf sinnvolle Weise ihre Community und deren Infrastruktur unterstützen. Zweitens verdienen sie etwas Geld und unterstützen damit ihre Familien. Und drittens, das beziehe ich jetzt auf Entwicklungshilfe im Allgemeinen, werden bereits bestehende Strukturen unterstützt und keine künstlichen erschaffen, die dann im Nachhinein für noch mehr Chaos sorgen.

Als ich Stunden später wieder in meinem Büro im Pikin Paddy sitze, ist mein Notizblock voll von Sachen, die für das Projekt benötigt werden. Erschöpft, aber zufrieden, lasse ich das Geschehene noch einmal Revue passieren: Ich muss an einen Mitarbeiter im Projekt denken, der mich zu sich nach Hause eingeladen hat. Er wohnt in der Nähe eines der Toilettenhäuser. Als ich sein kleines Zimmer betrete, zeigt er mir stolz sein Neugeborenes. Abdulrahman ist zum dritten Mal Vater geworden. Vater eines gesunden kleinen Mädchens. Er fragt mich: „Wie ist der Name deiner Mutter?“ „Maria Inmaculada“, antworte ich. „So nenne ich meine Tochter denn Maria, der Name deiner Mutter“. Er übergibt mir seine Tochter in meine Arme. Wie sie so da liegt in meinen Armen, so verletzlich und schutzbedürftig, ist ihre Haut, trotz der kurzen Lebenszeit, schon von dieser harten Umwelt gezeichnet. Auch Maria wird von den Bedingungen dieser Lebenswelt nicht verschont bleiben, befürchte ich.

Als die weißen Kolonialisten die Küsten Westafrikas erkundeten, gaben sie diesem Teil der Welt den Namen „White Men´s Grave“, das Grab des weißen Mannes. Aufgrund der vielen Todesfälle durch mysteriöse Krankheiten, bei denen es sich, wie wir heute wissen, vorwiegend um Malaria, Cholera und andere Tropenkrankheiten handelte. Das Grab des weißen Mannes ist auch ein Grab des schwarzen Mannes. Ein Virus macht, wie wir wissen, keinen Unterschied zwischen Hautfarben.

Online spenden: http://cap-anamur.org/service/jede-spende-hilft

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