In der Hitze der Nacht

von Dennis Wellmann

Wenn die Dunkelheit über die Armenviertel von Freetown hereinbricht, kommen sie heraus, in Scharen, denn dann fühlen sie sich sicher. Auf der Jagd nach Nahrung. Das, was die Menschen auf den Märkten zu verkaufen versucht haben. Das, was nicht gut genug war für die Menschen tagsüber, ist gut genug für sie: die Ratten. Davon gibt es haufenweise in dem Viertel, in dem unser Straßenkinderprojekt Pikin Paddy beheimatet ist.  Nachts, wenn die Menschen auf den Straßen weniger werden, füllen die Ratten die Plätze aus.

Es ist Mitternacht. Ein paar einzelne Menschen irren noch im Viertel umher. Leise vernimmt man Musik in seinen Ohren, einen Potpourri aus lokalen Stammesklängen und westlicher Popmusik. Heute gibt es mal Strom im Viertel, einzelne Straßenlaternen geben Lichtstrahlen ins ansonsten düstere Viertel ab.

Auch im Pikin-Paddy-Gebäude profitieren wir heute davon, dass es Licht gibt. Im Notfall bliebe uns zwar immer noch ein Generator, aber seine Lautstärke und der Gestank der Abgase zwingen uns immer genau zu überlegen, ob es notwendig ist ihn tatsächlich anzumachen.

Wir sitzen um diese Zeit gemeinsam mit den Sozialarbeitern im Büro und überlegen uns eine Route, auf der wir am besten Kinder finden können, um sie von der Straße zu holen. Wir vereinbaren, dass wir zunächst in unserem Viertel starten, um uns danach mit dem Auto in den Osten von Freetown zu kämpfen, wo erfahrungsgemäß einige obdachlose Kinder zu finden sind.

Als das Projekt 2012 gestartet wurde, gehörte das sogenannte Night Tracking zur bewährten Strategie, um Kinder zu finden und sie von der Straße zu holen. Während der Ebola-Epidemie wurde diese Strategie aus Sicherheitsgründen ausgesetzt. Jetzt, nach dem offiziellen Ende der Epidemie, haben wir wieder mit dem Nachtrundgang begonnen.

Als wir in unserem Viertel starten, werden wir zugleich auch fündig. Ein etwa zehnjähriger Junge hatte sich hinter einem Verschlag versteckt und war durch unsere Taschenlampen aufgeschreckt worden. Behutsam versuchen wir, auf den Jungen einzureden und überreden ihn schließlich, mit uns zu sprechen. In der Regel verlaufen die Gespräche nach einem bestimmten Schema. Wir versuchen zunächst herauszufinden, warum der Junge hier auf der Straße übernachtet und bauen Vertrauen zueinander auf. Wir versuchen zu ergründen, ob der oder diejenige bereit ist, von der Straße wegzukommen und zu seiner/ihrer Familie zurückzukehren. Ist dies der Fall, erzählen wir den Kindern von unserem Projekt und laden sie ein, dorthin zu kommen. In keinem Fall zwingen wir sie dazu. Es kommt durchaus vor, dass Kinder es vorziehen, auf der Straße zu leben. Wir bieten ihnen in diesem Fall trotzdem noch einmal an, unser Projekt zu besuchen und teilen denjenigen dann unseren Standort mit.

Heute Nacht aber ist der Junge bereit, uns zu begleiten. Es ist eine besondere Erfahrung durch die nächtlichen Straßen Freetowns zu gehen. Tagsüber drängeln und schieben sich Menschen und Fahrzeuge Seit an Seit. Die Geräusche und Verkehrskulisse erzeugen einen Stresspegel, bei dem wohl jeder durchschnittliche Westeuropäer auf lange Sicht einen Herzinfarkt bekommen würde, ich schließe mich übrigens ausdrücklich mit ein. In der Nacht aber herrschen Stille und Leere in Sierra Leones Hauptstadt. An vereinzelten Punkten im Zentrum der Stadt geht die Party weiter, die Musiklautstärke gleicht dem des Tagesniveaus. Menschen singen und tanzen. Es fließt auch viel Alkohol, so mancher Geruch erinnert an Substanzen, die man legal in gewissen Amsterdamer Bars rauchen kann. Eine gewisse Aggressivität liegt in der Luft. Wir haben ein Gebiet erreicht, in dem Jugendbanden Einfluss ausüben wollen und auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschrecken. Erst kürzlich gab es Schusswechsel mit der Polizei. Mit Mitgliedern der Community besprechen wir das weitere Vorgehen. Sicherheit ist ein wichtiges Prinzip im Projekt. Wir gehen nicht leichtfertig mit Leib und Leben unserer Mitarbeiter um. Wir entscheiden gemeinsam, dass es zurzeit nicht sinnvoll ist, in dieser Gegend weiter zu suchen. Zum einen, da wir anhand der partyähnlichen Aktivitäten schwer beurteilen können, ob es sich bei den Jungendlichen tatsächlich um Straßenkinder handelt, und zum anderen, weil wir die Lage als nicht sicher beurteilt haben.

Wir entschließen uns, in den Osten der Stadt zu fahren. Dort, wo die Rebellen während des Bürgerkrieges am heftigste gewütet haben. Wir fahren an brennenden Müllhalden vorbei. Vereinzelt sehen wir erwachsene Bettler an den Straßenrändern liegen. Die Militärpolizei hat an einzelnen Punkten Straßensperren errichtet. Als diese unser Kennzeichen und unser Schild mit dem Cap-Anamur-Logo erblicken, winken sie uns sofort durch. Einige schreien uns noch „Pikin Paddy“ hinterher. Man kennt uns.

Unser Ziel ist ein großer Lastwagenparkplatz. Ein bekannter Ort für Mädchenprostitution. Als wir ankommen, finden wir jedoch keine Kinder vor. Man erzählt uns, dass die Mädchen zumeist in größeren Männergruppen unterwegs sind. Die Jungs verstecken sich vor der Polizei, da diese im Moment sehr rigoros und nicht zimperlich gegen Straßenkinder vorgeht. Nach längerer Suche treffen wir auf ein junges Mädchen, etwa 13 Jahre alt. Sie ist von zu Hause weggelaufen, da sie von ihrer Tante zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen und geschlagen wurde. Ihre Eltern leben weit entfernt im Osten des Landes. Am Ende lehnt es das Mädchen ab, mit uns zu gehen, da es auf das Geld nicht verzichten will, dass sie hier verdient. Diese bittere Erfahrung müssen wir öfter mit jungen Mädchen machen. Jungs sind dagegen eher bereit, sich unserem Projekt anzuschließen. In dieser Nacht finden wir elf Jungen, zwischen 8 und 15 Jahren, die bereit sind, ihr Leben zu ändern und zu ihren Familien zurückzukehren.

Als wir in das Pikin Paddy zurückkehren, beginnt die Dunkelheit dem Licht des Tages zu weichen. Die Ratten fliehen vor dem Treiben der Marktständer, die Stille verliert sich im Lärm. Ich blicke in müde aber neugierige und auch hoffnungsfrohe Gesichter. Jetzt geht unsere Arbeit erst richtig los.

 

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