Ein Ort der Unfreiheit

von Dennis Wellmann

„Warum schläfst du auf der Straße?“, fragt eine empathische Stimme, aber nicht ohne einen gewissen Nachdruck. „Weil ich nicht mehr nach Hause will, da bekomme ich nichts zu essen“, antwortet es leise und erschöpft. Eine von vielen möglichen Antworten auf die Frage, warum Kinder und Jugendliche auf der Straße leben, ja, es sogar manchmal vorziehen, dort ihr Leben zu verbringen. Es scheint absurd, dass man es vorzieht, die Nächte auf kalten Steinen oder brüchigem Holz zu verbringen, anstatt in der Geborgenheit einer Familie. Was aber, wenn es diese Geborgenheit nicht gibt und man gezwungen ist, das familiäre Heim zu verlassen und fortan auf der Straße herumzuirren?

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Sozialarbeiter, die jahrelange Erfahrungen in der Arbeit mit Straßenkindern vorweisen können, berichten von mehreren Faktoren, die Einfluss haben, ob ein Kind auf der Straße landet.

Zunächst einmal ist es die Armut, die großes Gewicht hat. Sierra Leone gehört zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Der jahrelange Bürgerkrieg, eine verheerende Ebola-Epidemie und eine ineffiziente Politik und Ökonomie, haben die Infrastruktur vollends kollabieren lassen. Der Alltag der meisten Sierra Leoner ist vom Überleben durch Subsistenzwirtschaft geprägt. Gerade in den ländlichen Gebieten ist die Infrastruktur nur unzureichend ausgebaut. Schulen sind teilweise meilenweit entfernt. Zwar gibt es Infrastrukturprogramme durch ausländische Firmen, meist von chinesischen Unternehmen. Dennoch sind wir hier noch weit entfernt, um von einem nachhaltigen sozialen System sprechen zu können. Vielmehr ist sich hier jeder selbst der Nächste, beziehungsweise ist die Familie das soziale System des Einzelnen. Ist dieses System zerstört, beispielsweise durch den Tod von Familienangehörigen durch Krieg oder Epidemien, sind Individuen gezwungen, sich ihren Unterhalt anders zu organisieren. Das kann dazu führen, dass manche Kinder die Situation als so ausweglos beurteilen, dass sie keinen anderen Weg sehen, als von zu Hause abzuhauen und ihr „Glück“ außerhalb des Heimes zu versuchen. Leider ist das in den meisten Fällen kläglich zum Scheitern verurteilt.

Viele Kinder wagen dann auch den weiten Weg aus der Einöde in die große Stadt Freetown, wo sie sich erhoffen, dass dort alles besser wird. In der Realität finden sich die Kinder dann allein mitten in einem Gewusel von Menschen wieder, manchmal tagelang, bis sich dann jemand ihrer annimmt.

Die Armut befällt auch die bildungshungrigen Kinder des Landes. Wenn die Familie die Uniform, die Schulgebühren oder die Bücher nicht bezahlen kann, muss das Kind die Schule verlassen und zum Familieneinkommen beitragen.

Ein anderer Faktor ist die Angst vor Ausgrenzung. Nicht wenige Kinder übernachten auf der Straße, weil sie Angst haben zu ihren Familien zurückzukehren. Wieso das? Aus Scham. Wir hören sehr oft, dass Kinder während eines Einkaufs Geld verloren haben oder es ihnen geklaut worden ist. Aus Angst vor Strafe, entscheiden sich die Kinder dann doch lieber auf der Straße zu bleiben, bis diese dann von einem Polizisten aufgegriffen oder von uns gefunden und in unser Center gebracht werden. Unsere Sozialarbeiter übernehmen dann die Gespräche mit den Verwandten, die dann meistens überglücklich sind, dass ihrem Kind nichts passiert ist.

Sehr oft erleben wir auch, dass sich Kinder von anderen, oft größeren Jungen, beeinflussen lassen. Sie schnuppern dann den Duft der „Freiheit der Straße“. Keine Verantwortung, keine Arbeit, keine Anweisungen von irgendwem. Einfaches, selbstbestimmtes Leben. Tun, was immer man tun will. Doch das ist ein fataler Freiheitsbegriff. Und leider erliegen ihm Kinder immer häufiger. Denn egal, wie einfühlsam man mit den Kindern umgegangen ist, wie viel Zeit man mit ihnen verbracht hat, manchmal entscheiden sich Kinder gegen die Familie, oder „Zwang“, wie sie es nennen, und für das Leben auf der Straße, die vermeintliche Freiheit.

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Es tut natürlich bei jedem einzelnen Kind sehr weh, dabei zu zusehen, wie es sein Leben aus der Hand gibt. Und da wir wissen, dass Kinder ihre Entscheidungen eher selten aus Vernunftsgründen treffen, sondern eher aus dem Bauch heraus, geben wir den Kindern mehrere Chancen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Um es vorweg zu nehmen, nicht wenige Kinder nutzen diese Chancen dann auch, einige dann leider doch nicht. Diese müssen wir dann ziehen lassen, da Zwang erstens nicht zu unserem Konzept gehört und wir zweitens keine staatliche Exekutivgewalt besitzen.

Es ist eine komplexe Angelegenheit zu verhindern, dass Kinder wieder zurück auf die Straße gehen.  In unserem Projekt arbeiten wir deshalb mit einem multivariaten Ansatz. Da ist einmal die psychosoziale Betreuung von Kindern und deren Verwandten durch qualifizierte und erfahrene Sozialarbeiter. Wir ermöglichen den Kindern außerdem in ihrem Alltag eine feste Struktur, solange sie bei uns im Center sind, in der zum einen gewisse Pflichten wie der Besuch unserer Schule gehören und zum anderen auch die Möglichkeit gegeben wird, einfach Kind zu sein und zu spielen.

Ein wichtiger Grundpfeiler unseres Konzepts ist die Nachsorge, wenn die Kinder wieder zurück zu ihren Familien zurückgekehrt sind.  Unsere Sozialarbeiter kontrollieren bei jedem unserer Kinder die Entwicklung zu Hause in den Familien und intervenieren bei Problemen sofort. Unsere Sozialarbeiter sind aber dabei keine Einzelkämpfer. Alle Probleme, die bei der Arbeit mit den Kindern und Familien  auftreten, werden im Team besprochen und gemeinsam nach Lösungsansätzen gesucht.

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Wir stellen uns dabei auch dem Faktor Armut entgegen. Die Familien, denen die Mittel für die Schulausbildung des Kindes fehlen, unterstützen wir, indem wir uns um Uniformen, Schultaschen, Bücher und Schulgebühren kümmern.

Es ist ein harter Kampf um jedes einzelne Kind. Am Ende entscheidet es das Kind selbst welchen Weg es nimmt. Unser Beitrag ist es, dem Kind ein paar schwere Steinbrocken auf dem Weg seines Lebens aus dem Weg zu räumen und klarzumachen, dass die Straße ein Ort der Unfreiheit ist.

 

 

 

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