Regenzeit in Sierra Leone

Von Simone Ross

In Sierra Leone hat die Regenzeit begonnen. Noch sind es kurze, teils heftige Regenschauer, manchmal mit starkem Gewitter. Die Häufigkeit und die Intensität der Niederschläge werden in den kommenden Wochen noch zunehmen, bis sie im Juli und August ihren Höhepunkt erreicht haben. Pfützen, kleine Wasseransammlungen und Tümpel auf den teilweise nicht asphaltierten Straßen werden zum optimalen Nährboden für Stechmücken und Fliegen. Auch die Anopheles-Mücke fühlt sich jetzt besonders wohl – sie ist Überträgerin der lebensbedrohlichen Malaria-Parasiten.

Bei Malaria Tropica kann es zu extrem hohen Fieberschüben kommen. Nicht selten über einen längeren Zeitraum über 40° Celsius. Zusätzlich können, besonders bei Kindern, Blutzuckerschwankungen und dadurch bedingte Krämpfe auftreten. Bei vielen Patienten führt es außerdem zu einer extremen Blutarmut, da die Parasiten die roten Blutkörperchen zerstören. An die lebensrettende Bluttransfusion zu kommen ist eine enorme Herausforderung, selten gibt es keine passende Transfusion auf Vorrat und man muss erst einen passenden Spender suchen.

Wie sich Rugiatu ins Leben zurück kämpft

Auf unsere Kinderstation in Makeni nehmen die Fälle der schweren Malaria-Erkrankung nun zu. Trotz der beschränkten medizinischen Ressourcen ist der Fall der kleinen Rugiatu ein Beispiel dafür, wie wir mit unserer Arbeit und ihrer kleinen Kämpferseele, ihr Leben retten konnten. Rugiatu wurde abends mit den typischen Symptomen der Malaria auf unserer Kinderstation aufgenommen, begleitet wurde sie von ihrer Oma. Die Mutter hat die Familie verlassen, der Aufenthalt des Vaters war auch nicht bekannt. Hohes Fieber, sehr schlapp, Appetitlosigkeit und extreme Blutarmut – der Verdacht der Malaria hatte sich im Labor-Schnelltest bestätigt. Noch am Abend konnte eine Bluttransfusion organisiert werden und die erste Gabe des Malaria-Medikaments wurde über die Vene verabreicht. Über Nacht verschlechterte sich ihr Zustand aber dennoch. Es gab neurologische Komplikationen und am nächsten Morgen war sie kaum mehr bei Bewusstsein und im Schock-Zustand. Ihr Puls ging extrem schnell und war kaum mehr zu fühlen, ihre Atmung angestrengt und ihre Sauerstoff-Sättigung im Blut war sehr niedrig, sodass wir sie an einen Sauerstoff-Konzentrator anschließen mussten.

Trotz ihres kritischen Zustands versuchte sie dennoch ihre letzten Kräfte zu mobilisieren und wehrte sich beim Legen der Magensonde und verfolgte jede unserer Bewegungen. Es gelang uns, das kleine Mädchen fürs Erste zu stabilisieren. Schnell war klar, dass sie eine weitere Bluttransfusion brauchte. Die Tante von Rugiatu hatte bereits am Vortag die Blutspende getätigt, kam also jetzt als Spenderin nicht noch einmal in Frage. Andere Verwandte und Bekannte lebten zu weit weg und konnten nicht kommen. Da unser Team selbst schon in der Klinik-Blutbank gespendet hat, gelang es uns zügig von dort eine Blutkonserve der passenden Blutgruppe zu organisieren. So konnten wir relativ zügig die nächste Transfusion starten.

Dann kam es zu einem etwas länger andauernden Stromausfall, was leider immer wieder hier passiert. Der Sauerstoff-Konzentrator hat keinen Akku und kann ohne Strom nicht arbeiten. Da Rugiatu aber immer noch dringend Sauerstoff-Zufuhr benötigte, haben wir sie kurzerhand notfallmäßig auf unsere neue Erwachsenen-Intensivstation verlegt, die an einen kleinen Generator angeschlossen ist und somit die Sauerstoff-Therapie gewährleistet werden konnte.

Mehrfach mussten wir ihr neue Zugänge legen, da ihre Venen sehr labil waren und die Tröpfe schon nach kurzer Zeit kaputt gingen. Über die Magensonde konnten wir sie vorerst nicht richtig ernähren, da sie sich leicht erbrechen musste. Mit dem Anti-Malaria-Mittel, zusätzlich Antibiotika und etwas Glucose-Lösung über die Vene waren unsere Therapiemöglichkeiten damit schon ausgeschöpft. Die Sauerstoff-Gabe konnte glücklicherweise ohne Probleme weitergeführt werden. Auch die hohen Fieberschübe bekamen wir einigermaßen in den Griff.

Wir wussten nicht, ob sie die nächsten Tage überleben würde, aber wir konnten zumindest alle uns zur Verfügung stehenden Mittel bestmöglich ausschöpfen. Und tatsächlich erholte sie sich ganz langsam von Stunde zu Stunde. Zwei Tage später war sie schon in der Lage regelmäßig die Sauerstoff-Brille abzunehmen und entschied dann selbst, dass sie auch die Magensonde nicht mehr brauchte – so zog sie sich diese in einem unbeobachteten Moment einfach selbst.

Nach drei Tagen konnten wir sie – ohne Sauerstoff – wieder auf die Kinderstation verlegen und am nächsten Morgen haben wir sie im Bett sitzend angetroffen – beim Essen einer großen Portion Reis. Mit Argusaugen beobachtet sie was wir wohl als nächstes mit ihr vorhatten, aber diesmal brauchten wir nicht mehr viel machen…außer sie nach Hause zu entlassen.

Gefahren der Infektion

Viel zu oft sehen wir leider auch Kinder, die an der heimtückischen Malaria-Infektion sterben. Es ist eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern hier in Sierra Leone. Die Aufnahme im Krankenhaus erfolgt zu spät, die Komplikationen sind zu gravierend oder die Therapie schlägt nicht wie erhofft an. Wir hier vor Ort können weiter versuchen die bestehenden Ressourcen zu nutzen und medizinisches Wissen nachhaltig weiter zu vermitteln und hoffen, dass eine flächendeckende Impfung zeitnah möglich sein und Leben retten wird.

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