Rückblick: Ein Dreivierteljahr in Makeni

von Anabela & Philippe Valentin

Wie schnell doch die Zeit vergeht, wenn man viel zu tun hat. Jetzt sind wir bereits ein Dreivierteljahr in Sierra Leone und das Ende unseres Einsatzes rückt näher. Vieles hat sich verändert in den letzten Monaten, sowohl im Regionalkrankenhaus von Makeni als auch im Land selbst: Endlich ist das Land in der post-Ebola-Phase angekommen, eine Phase des Aufbaus nicht nur im Gesundheitssystem.

Anfang Januar zeigte ein erneut aufgetretener Fall von Ebola, was diese Phase bedeutet. Glücklicherweise kam es in der Folge nur zu einer einzigen Ansteckung, nicht zu einem erneuten, großen Ausbruch. Auch wenn sich der Alltag normalisiert hat, ist es nur realistisch mit weiteren vereinzelten Fällen zu rechnen. Das zeigt der Vergleich mit anderen Ländern. Daher fällt dem Gesundheitssystem die große Aufgabe zu, diese Fälle zu erkennen und richtig zu reagieren, damit es auch in Zukunft so gut ausgeht wie im Januar.

Auch wenn die vorher präsenten Checkpoints im Land mittlerweile abgebaut wurden, im Krankenhaus wird weiterhin kontrolliert. Am Eingang müssen alle Patienten, Besucher und Mitarbeiter die Hände waschen und ihre Temperatur kontrollieren lassen. Die Patienten gehen weiterhin durch ein zusätzliches Screening, welches von der WHO für die post-Ebola-Phase angepasst wurde. Sollten die Symptome des Patienten denen von Ebola entsprechen, werden sie sofort isoliert und getestet. Dies ist für die derzeit wenigen, isolationspflichtigen Patienten kein Vergnügen, da der Isolationsbereich aus Containern besteht, die mitten in der afrikanischen Sonne stehen. Glücklicherweise kann der Test seit Ende 2015 im erweiterten Labor des Krankenhauses gemacht werden und ist im besten Fall bereits nach vier Stunden abgeschlossen: Bei einem negativen Ergebnis dürfen die Patienten die Container verlassen und die weitere Diagnostik und Behandlung kann beginnen. Die englische Gesundheitsbehörde PHE hat ihr modernes Labor aus einem ehemaligen Behandlungszentrum in das Krankenhaus Makeni gebracht. Vor allem in der ersten Phase des Umzugs mit engen Zeitvorgaben und hohen technischen Anforderungen konnten wir von Cap Anamur die britischen Kollegen unterstützen.

Eine andere Rahmenbedingung, die sich stark verändert hat, ist das Wetter: Seit die Regenzeit im November endete, wurde es von Tag zu Tag heißer und trockener. Die Flüsse sind fast nicht mehr zu sehen und der Grundwasserspiegel sinkt immer weiter. Laut den Einheimischen sind wir jetzt im März am Höhepunkt der Trockenzeit angelangt. Zuletzt haben wir über 41 Grad im Schatten gemessen. Eine der wenigen Pflanzen, die hier in der Region noch grün ist, ist der Maniok. Wahrscheinlich werden die Blätter daher von den Einheimischen mit viel Palmöl und Brühwürfeln als Mahlzeit zubereitet. Am Geschmack kann es unserer Meinung nach nicht liegen…

Seit dem neuen Jahr liegen die elektrischen Wasserpumpen und somit auch die 40.000 Liter Reservoirtanks im Krankenhaus trocken. Es kommt kein Wasser mehr aus den Hähnen. Das betrifft nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unseren Feierabend, da wir auf dem Krankenhausgelände leben. Zum Glück gibt es zwei handbetriebene Wasserpumpen, welche in tieferen Löchern stecken. Nach anfänglicher Verzweiflung – niemand hatte uns als Kinder beigebracht, einen 20-Liter-Eimer auf dem Kopf zu tragen – haben wir uns eine Schubkarre und einen Kanister besorgt, um unseren täglichen Verbrauch zum Haus zu transportieren. Auf den Stationen im Krankenhaus wird diese Arbeit von Trägern erledigt. Für sie ist es nicht die erste Trockenzeit und sie wissen, worauf es ankommt. Um das Waschen der Hände zu ermöglichen, werden an Stationen zwei Kanister bereitgestellt, der Obere mit einem kleinen Hahn, der untere offen, um das Schmutzwasser aufzufangen. Diese Konstruktion erinnert ein wenig an ein Kölsch-Fässchen und funktioniert prima.

Für die Trockenzeit im nächsten Jahr sollte das Problem gelöst sein, da bereits zwei andere Organisationen daran arbeiten. Sie warten noch auf den absolut tiefsten Punkt des Grundwasserspiegels bevor sie neue Löcher bohren und Pumpen installieren.

Um den Jahreswechsel wirkten sich zahlreiche Baumaßnahmen auf dem Krankenhausgelände zusätzlich schlecht auf den Wasserspiegel aus. Zementarbeiten und Fliesenlegen verbrauchen enorme Mengen Wasser. Wir waren ganz vorne mit dabei, was die Bauarbeiten anging, nebenbei hat UNICEF ein Lager gebaut, PHE das Labor und das Krankenhaus selbst eine überdachte Wartezone.

Ende vergangenen Jahres haben wir zwei kleine Gebäude gebaut, welche nun den ambulanten Teil des Krankenhauses beherbergen. In dem ersten Gebäude befinden sich die Schwangerenvorsorge und die Familienplanung. Unsere Idee, diese beiden Abteilungen unter ein Dach zu bringen, trägt Früchte: In den vergangenen Monaten sind die Zahlen an Beratungen und Behandlungen wie Spiralen, Hormonimplantationen und Pillenverschreibungen stetig gestiegen. Schwangere können sich in der Wartezeit auf ihre Untersuchung nebenan informieren. Zudem informiert die zuständige Kollegin im Wartebereich immer wieder, dass Beratung und Maßnahmen kostenlos sind. Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für die Frauen.

Das zweite Gebäude beherbergt seit drei Wochen die Ambulanz für Kinder unter fünf Jahren, die Impfstelle sowie den Zahnarzt. Diese Abteilungen sind nun nahe an Apotheke und Labor und nicht mehr auf zwei Patientenzimmer in der Pädiatrie verteilt. Neben einer viel aufgeräumteren und ruhigeren Kinderstation konnten wir dadurch zwei zusätzliche Räume schaffen und die Bettenanzahl erhöhen. Der für uns wichtigste Effekt ist sehr deutlich zu sehen: Seit dem Umzug müssen keine Kinder mehr auf dem Flur auf ihre Aufnahme warten. Zuvor kam es in der Wartezeit immer wieder zu Todesfällen. Mit dem Zahnarzt haben wir noch einige technische Herausforderungen vor uns, seine Zahnarztstühle sind sicher 30 Jahre alt, aber wir tun unser Bestes, diese funktionsfähig zu installieren. Im Moment arbeitet er auf den nicht angeschlossenen Stühlen, aber das war vorher auch nicht anders.

Der größte und wichtigste Teil des Projekts ist jedoch der Aufbau einer Notaufnahme und Intensivstation. Während die Baumaßnahmen fast abgeschlossen sind, haben wir uns stark auf die bestehende, provisorische Notaufnahme konzentriert und dort Standards etabliert und die Kollegen geschult. Wir haben dort einen kleinen Intensivbereich mit vier Betten eingerichtet, in dem die Kollegen den Umgang mit kritisch kranken und bewusstlosen Patienten mit Hilfsmitteln wie einem einfachen Patienten-Monitoring lernen konnten. Lebensrettende Sofortmaßnahmen wie die Sicherung des Atemwegs haben wir in kleinen Gruppen an einer Puppe geübt, pflegerisch wichtige Tätigkeiten am Patientenbett. Auch wenn kritisch Kranke in der dritten Welt sehr viel weniger Chancen haben als in der ersten Welt, in der die Sterberate sehr viel niedriger ist: Jeder einzelne Patient, der dort eine Krise überstand, war es wert. Der aufkeimende Stolz bei den Kollegen erst recht. Ein besonders schöner Moment war der Besuch und der Dank eines ehemaligen Patienten, übrigens der Ehemann einer Krankenschwester aus dem Haus. Er hatte drei Tage im Koma verbracht und sich trotzdem fast vollständig erholt. Einzig die Sprache war noch etwas holprig.

Generell hat sich Vieles im Regionalkrankenhaus Makeni zum Positiven verändert. Wir sind froh, den Grundstein für die weitere Entwicklung gelegt zu haben. Der Dank unserer Kollegen, aber auch der Menschen in der Region wird immer wieder an Cap Anamur gerichtet, und damit sind Sie, der Spender, gemeint. Ohne Ihre Spende wäre das nicht möglich gewesen!

Hier können Sie schnell und sicher online spenden:
http://cap-anamur.org/service/jede-spende-hilft

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